Appleton, Minnesota, USA (NEU)

April 2005
 

Liebes Effner,

nach nun schon gut 7 Monaten in den USA, melde ich mich auch endlich mal auf diesem Wege zu Worte.

Mich hat es hier nach Appleton in Minnesota verschlagen. Ein kleines nettes Örtchen umgeben von Kornfeldern, mit inzwischen rund 1700 Einwohnern (zuzüglich noch ca. 500 Insassen des Gefängnisses).

Aber lasst mich im Sommer anfangen und euch berichten was ich seitdem hier so erlebt habe:

 

Nach meiner Ankunft im August hat auch schon gleich eine Woche später (noch in den Ferien) das Training angefangen. Wie geplant habe ich mich hier erstmal am (American) Football versucht, was allerdings äußerst anstrengend war. Wir hatten jeden Tag 4 Std. Training bei ca. 25-30°C. Beim Zirkeltraining wurde von Station zu Station gelaufen oder zumindest gejoggt, ansonsten „durfte" man sich mit Liegestützen anfreunden. (Dies hat mir natürlich keiner vorher gesagt, aber ich habe es dann schnell gelernt.) Am 3. Tag wurde das Training leichter und wir fingen mit dem theoretischen Teil des Sportes an. (Ja! So was gibt es wirklich, kaum zu glauben aber war!) Hierbei fing dann aber mein richtiges Problem an, denn mit meinem Englisch habe ich zu diesem Zeitpunkt nur „Bahnhof" verstanden. Lange Rede – kurzer Sinn: Ich entschloss mich ab dem 4. Tag zu „Cross Country" zu wechseln, was effektiv nix anderes als Dauerlaufen ist. Eine Trainingseinheit bestand normalerweise für mich aus einer Meile warm laufen, 3-4 Meilen am Stück oder 4 mal 1,5 Meilen „Sprints" und einer Meile auslaufen. Dies war schon das leichtere Programm; andere Schüler in meinem Alter liefen in dem Mittelteil bis zu 7 Meilen am Stück. Für Wettkämpfe traf man sich mit anderen Schulen auf Golfplätzen und dort wurde dann um die Wette bergauf und -ab gerannt.

Nach ca. einem Monat Pause habe ich im Winter dann mit Schwimmen angefangen. Da es ein privater Schwimmverein war, hatten wir „nur"zweimal die Woche Training, was ich persönlich sehr genossen habe. Das ganze Team hat äußerst gut abgeschnitten und ich durfte mich am Ende zweifacher „State Champion" (Minnesota) nennen (dies allerdings nur, da ich keine Konkurrenz in meiner Alters- und Wertungsklasse hatte ;-)

Ab dieser Woche treibt es mich jetzt zurück auf die Golfplätze, diesmal aber wirklich zu Golfspielen, was ich hier als Frühlingssport ausprobieren werde.

Am 1. September hat dann auch die Schule angefangen. Die Schule ist wahrhaftig noch mehr als der Ort, in dem ich lebe, nur von Kornfeldern umgeben. Da die Schulen der beiden Ortschaften (einer davon ist Appleton, wo ich wohne) zu klein wurden, haben sie sich zusammen geschlossen und eine Schule ziemlich genau in die Mitte der ungefähr 30 km voneinander entfernten Orte gebaut. Somit müssen zwar alle Schüler fahren, aber von beiden Orten nur ca. 10-15 Minuten.

Ich habe mich für folgenden Stundeplan entschieden:
 

1.Halbjahr 2.Halbjahr
Mathe Mathe
Chemie Speech (Reden halten)
Driver’s Education (Theoriestunden) / Physik Physik
Multimedia (Bild- und Videobearbeitung) Freistunde
Freistunde Erdkunde
College Skills (Lerntechniken; Vorbereitung fürs College) Chemie
Senior Social (amerik. Geschichte/Politik/Wirtschaft) Senior Social



 


 

 

 



 


Die Möglichkeit meine Fächer hier relativ frei wählen zu können habe ich sehr genossen.
Allgemein ist zu sagen, dass die Schule hier für mich deutlich einfacher ist. Für Hausaufgaben gibt es normalerweise Zeit während des Unterrichts und am nächsten Tag werden sie dann eingesammelt und benotet. Dies hat zur Folge, dass die Gesamtnote aus mehr Einzellnoten besteht, was einem einen „Ausrutscher" schnell verzeiht. Für Tests (~Schulaufgaben) darf man sich bei vielen Lehrern eine Karteikarte selber beschreiben und als „Hilfe" benutzen. Dies hat den Effekt, dass viele Schüler so viel Zeit damit verbringen alle Informationen zusammen zu suchen, und sie so klein wie möglich auf den begrenzten Platz der Karteikarte zu schreiben, dass sie während des Tests nicht einmal mehr darauf schauen, da sie es dadurch gelernt habe. In vielen Klassen werden Tests von den Schülern oder von den Mitschülern selbst korrigiert, was oft zu Notendurchschnitten nahe 100% führt. Allerdings sei bemerkt, dass während eines Tests die Schüler hier meist nicht „spicken“; selbst wenn der Lehrer zwischendurch den Raum verlässt, arbeiten einfach alle weiter.

Die Schule ist technisch gesehen auf einem äußerst modernen Stand. In nahezu jedem Klassenzimmer ist zusätzlich zu einem Fernseher auch ein „Beamer" angebracht. Jeder Lehrer hat seinen eigenen Computer und verwaltet daran direkt die Noten, sodass sich Eltern jederzeit per Internet ein aktuelles Bild der Leistungen ihres Kindes machen können. Neuerdings können sie sogar ca. 5-10 Minuten nach Stundenanfang online sehen, ob ihr Kind, in dem Fach, in dem es grade sein sollte, auch anwesend ist. (Big Brother is watching you!)

Sicherheit wird hier groß geschrieben; daher sind überall in den Gängen Überwachungskameras angebracht und beim Mittagessen gibt es keine Messer (nicht einmal Plastikmesser). Um zwischen den Stunden einen Unterrichtsraum zu verlassen (sei es um aufs Klo, ins Sekretariat oder in die Bibliothek zu gehen…) braucht man eine Unterschrift mit Zeit und Datum vom Lehrer in ein extra dafür vorgesehenes kleines „Schülerhandbuch“. Wenn man beim Gongschlag nicht im Klassenzimmer auf seinem Platz sitzt, wird man aufgeschrieben und beim dritten Mal bedeutet das Nachsitzen. Dies bedeutet aber auch, dass die Schüler sobald der Gong ertönt, dass die Stunde zu Ende ist, einfach aufstehen und den Raum verlassen – egal ob der Lehrer fertig ist oder nicht. An all die Regelungen muss man sich erst einmal gewöhnen.

Gleich am Anfang des Jahres habe ich mich erkundigt, ob ich in der Schülermitverantwortung (SMV) mitarbeiten kann. Dies hat sich glücklicherweise als möglich herausgestellt und somit habe ich hier eine Menge Erfahrungen auch in diesem Bereich gesammelt. Die SMV ist hier sehr stark strukturiert. Jedes der 30 Mitglieder (außer mir ;-) ist von den Schülern gewählt worden. Bei den Treffen wird einer genau ausgearbeiteten Tagesordnung gefolgt und somit wird äußerst produktiv gearbeitet, was aber manchmal auf Kosten des Spaßfaktors geht.

Faszinierend ist allgemein der hier herrschende „school spirit“. Ich weiß nicht ob ich ihn als gut oder schlecht bezeichnen soll; Fakt ist aber, dass er äußerst stark ausgeprägt ist. Jeder Sport hat sein eigenes T-Shirt, das am Tag eines Wettkampfes von allen im Team getragen wird um stolz jedem zu signalisieren, dass man zur Mannschaft dazu gehört. Viele Eltern begleiten ihre Kinder zu jedem Wettkampf und feuern dann das ganze Team enthusiastisch an. Die Schule hat außerdem ihr eigenes Schullied, was bei Veranstaltungen von der Band gespielt oder vom Chor gesungen wird.

Stolz ist hier eine wichtige Sache. Jeden Tag wird verkündet, welches Sportteam am Vortag wie abgeschnitten hat. Auf der anderen Seite werden aber auch Listen ausgehängt mit Schülern, die Nachsitzen müssen, um auch dies allen Schülern zu zeigen.

Im November, nachdem der ganze Trouble um die Präsidentschaftswahl sich langsam auflöste, bin ich mit meinen Gasteltern nach Florida geflogen und habe dort Josh besucht, der letztes Jahr als Austauschschüler am Effner war. Dort habe ich für eine Woche das warme Wetter genossen und die Gegend um Orlando mit ihm zusammen unsicher gemacht.

Soviel erstmal von mir.

Gruß aus USA

Leif Sölter
hileif@gmx.de


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