
Marlis Wagner
(rechts hinten)
Lahti, Finnland
25.09.2001
Heute vor 5 Wochen bin ich in Finnland angekommen, ich
kann gar nicht glauben, dass es schon so lange her ist!
Nach einer Vorbereitungswoche in Tampere, ca. 200 km nordwestlich von
hier, mit den 100 anderen Rotary-Austauschschülern, die nach Finnland
gekommen sind, hat mich meine Gastfamilie dort abgeholt. Tja, und seitdem
leb ich hier, in Villähde, einem Ort, in Vergleich zu dem Weichs oder
Röhrmoos Metropolen sind, bei Familie Kulmala. Sie behandeln mich wie ihre
eigene Tochter und ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt.
Aber natürlich musste ich mich erstmal an die finnische Lebensweise
gewöhnen, die sich schon ziemlich von der deutschen unterscheidet. Stress
oder Hektik scheint es hier nicht zu geben, man geht alles gemütlich an.
Trotzdem kommen Finnen niemals zu spät- was ich immer noch nicht fertig
bringe. Zweimal pro Woche ist Sauna angesagt, wenn nicht unbedingt nötig
wird ohne Teller gegessen, gemeinsame Mahlzeiten gibt es nur am
Wochenende, ....
Die finnische Schule ist auch ganz anders: Das
Jahr ist in fünf Perioden eingeteilt. Am Anfang jeder Periode wählt man neue
Fächer und am Ende wird in jedem Fach eine Prüfung geschrieben- alle in
derselben Woche. Ich habe in dieser Periode hauptsächlich Sprachen belegt,
weil ich da wenigstens teilweise was verstehe.
Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist viel
freundschaftlicher als in Deutschland. Man spricht sich mit Vornamen an,
duzt sich und wenn man eine Frage hat ruft man einfach "hei oppe!" -
"hallo Lehrer".
Und dann ist da noch die Regel, dass man pro Periode in jedem Fach
viermal dem Unterricht fernbleiben darf ohne irgendeine Entschuldigung
bringen zu müssen!

Es befinden sich
in fast jedem Klassenzimmer Fernseher und Videorecorder und an der Schule
(900 Schüler) gibt es über 100 Computer - Windows 2000 und Flachbildschirme,
versteht sich- die man jederzeit benutzen kann.
Außerdem gibt es Mittagessen in der Schule, gratis. Leider schmeckt es
meistens auch dementsprechend.
Meine Schule liegt übrigens in Lahti, einer mit 100 000 Einwohnern für
finnische Verhältnisse recht große Stadt, ca. 15 km von Villähde entfernt.
Am Anfang war es in der Schule nicht grade leicht für mich, da die
Finnen sehr zurückhaltend sind und fast nur Leute, die selbst schon einen
Austausch gemacht haben, auf mich zukamen. Aber mittlerweile scheinen sie
aufgetaut zu sein und alle behandeln mich nett und freundlich. Da es mit
meinem Finnisch noch nicht sehr weit her ist, reden sie sogar
untereinander englisch wenn ich dabei bin, damit ich mir nicht
ausgeschlossen vorkomme, wie sie sagen.
Ich lerne aber schon recht fleißig finnisch, zweimal in der Woche gehe
ich in einen Kurs. Dort habe ich wohl so ziemlich alle Austauschschüler
und -Studenten Lahtis kennen gelernt, und wir unternehmen in der Freizeit
oft was zusammen. Es wird ein Mischmasch aus
Englisch-Finnisch-Französisch-Portugiesisch gesprochen und wenn wir uns
trotzdem nicht verstehen benutzen wir Hände und Füße.
Die Finnen selbst sprechen alle super englisch, was zu der Versuchung
führt, sogar bei McDonald's auf englisch zu bestellen, weil es soviel
einfacher ist. Man ist hier ganz erstaunt, wenn ein Ausländer finnisch
spricht, da die Finnen sich bewusst sind, wie kompliziert ihre Sprache
ist. Aber meiner Meinung nach ist Finnisch eine schöne Sprache und ich bin
fest entschlossen, es zu lernen. Ich höre immer nur "Marlis", "die
Deutsche" oder "Austauschschülerin", aber was über mich geredet wird weiß
ich nicht. Jedoch verstehe ich von Tag zu Tag ein bisschen mehr.
Ich denke, ich kann jetzt schon sagen, dass es die richtige
Entscheidung war, nach Finnland zu kommen, wahrscheinlich die beste meines
Lebens!
Die Leute sind alle ziemlich zurückhaltend und schüchtern, aber wirklich
liebenswert. Und das Land ist soo schön; am Samstag war ich in Helsinki,
vor 2 Wochen in Lappeenranta nahe der russischen Grenze und ich hoffe, ich
werde noch viel mehr von meinem Finnland sehen!
So, das war's für's erste, bis zum nächsten Mal.
Viele Grüße aus dem hohen Norden,
Marlis Wagner
Liebes JEG!
Erstmal möchte ich mich ganz herzlich für die Weihnachtsgrüße
bedanken!
Nachdem ich jetzt fast 5 Monate hier bin, schaff ich es endlich mal
wieder, euch ein bisschen was zu erzählen.
Zunächst musste ich einmal feststellen, dass es doch nicht so einfach ist,
in einem fremden Land mit fremden Sitten und vor allem in einer fremden
Familie zu leben. Genau das, was am Anfang so neu und aufregend war, fing
mehr und mehr an zu nerven und ich hab gemerkt, wie viel mir meine Familie
und Freunde und überhaupt die ganze Lebensweise in Deutschland bedeuten.
Aber auch die ca. einmonatige Krise ging vorbei und je länger ich hier
war, desto schöner wurde es. Jetzt bin ich schon soweit, dass ich denke:
"Oh Gott, nur noch sieben Monate hier!".
Dazu trägt natürlich vor allem bei, dass man sich immer mehr
dazugehörig fühlt, je mehr man die Sprache beherrscht. In Finnland ist das
so eine Sache... Alle, oder fast alle, können englisch und es wird mit uns
Austauschschülern automatisch englisch geredet. Und ich habe mich lange
nicht getraut zu sagen, dass sie doch finnisch mit mir reden sollen, weil
ich ja so wenig konnte. Aber wenn man einmal anfängt zu sprechen, lernt
man ganz automatisch immer mehr. Mittlerweile sprechen wir in der Familie
nur noch finnisch und auch ein Grossteil meiner Freunde redet nicht mehr
englisch mit mir.
Vom Unterricht verstehe ich natürlich immer noch nicht viel, aber ich
kann ja die Fächer wählen, bei denen ich möglichst viel verstehe.
Dass man so viele Wahlmöglichkeiten hat, macht die Schule natürlich
interessanter, aber vom Unterricht her, finde ich es in Deutschland
besser. Hier ist es wie in einer Vorlesung. Und es wird einfach
abgeschrieben was an der Tafel steht, ohne dass Fragen gestellt werden
usw. Trotzdem ist der Lehrer hier vielmehr Freund als Autoritätsperson. An
Weihnachten zum Beispiel hat unsere Klassenlehrerin jeden umarmt.
Mein finnisches Weihnachtsfest war wunderschön. Und kalt. Die letzten
zwei Wochen hatte es fast täglich -20 Grad. Bevor die Geschenke ausgepackt
wurden, gab es das traditionelle finnische Weihnachtsessen; verschiedene
Aufläufe, Truthahn und zehn Kilo Schinken! Beim Essen musste die ganze
Familie rote Wichtelmützen aufsetzen.
Ansonsten unterscheidet sich die finnische Weihnacht nicht so von der
deutschen. Aber es war doch unvergesslich für mich.
Den Weihnachtsmann konnte ich Anfang Dezember übrigens persönlich in
seiner Werkstatt in Rovaniemi treffen, wo er den Winter verbringt. Wir
waren 150 Austauschschüler dort und der Weihnachtsmann hat uns mit seinen
Deutsch-, Russisch- und Japanischkenntnissen überrascht. Nur
Portugiesisch, das hat er vor 200 Jahren gelernt und jetzt vergessen, so
hat er uns erzählt. Der Besuch beim Weihnachtsmann war der Abschluss
unserer Lapplandreise, auf der wir neben Ski und Snowboard auch
Rentierschlitten gefahren sind und eine Schneeschuhwanderung gemacht
haben.
Im Februar werde ich mit der Schule eine Fahrt nach Stockholm machen und
dann gibt es noch eine Reise mit den anderen Austauschschülern nach St.
Petersburg, worauf ich mich natürlich auch schon wahnsinnig freue.
Aber auch die Zeit in Lahti ist wunderschön, vor allem jetzt, wo es ein
bisschen wärmer ist und man nach der Schule einfach von der Haustür aus
Langlaufen oder ins zehn Minuten entfernte Skigebiet fahren kann.
Marlis Wagner
marlis.wagner@kaisi.lyk.fi
|