Einige werden mich vielleicht noch von meiner Zeit am JEG kennen, an dem ich 2010 mein Abitur abgelegt habe. Nach der Zeugnisverleihung bin ich erst einmal für ein paar Monate gereist, bevor ich dann im Herbst mein Studium in Oxford aufgenommen habe. ch studiere dort Philosophie, Politik und Volkswirtschaft, was man in England aber nur unter dem Akronym PPE (Philosohy, Politics and Economics) kennt.
Genauso kompliziert wie der Name meines Studiengangs ist übrigens auch der Aufbau der Universität, die sich in 38 einzelne Colleges gliedert. Die Colleges sind vor allem für uns Bachelor-Studenten wichtig, da wir dort nicht nur wohnen und essen sondern meistens auch dort unterrichtet werden. Lediglich die Vorlesungen und der Lehrplan werden von der Universität zentral festgelegt.
So kommt es dann, dass sich der größte Teil meines Studentenlebens innerhalb meines Colleges abspielt, der sogenannten St. Edmund Hall. Diese kann auf eine über 700jährige Geschichte zurückblicken und bezeichnet sich gerne als "the oldest academical society for the education of undergraduates", was auch immer das genau heißen mag. Neben mir sind an meinem College noch etwa 400 andere Bachelorstudenten mit denen man relativ eng zusammenlebt. Man wohnt nicht nur mit einigen im gleichen Gebäude sondern isst auch zusammen, so dass es sehr einfach war Anschluss zu finden. Und obwohl unsere Zimmer eher klein sind, haben wir den Luxus einer Putzfrau, die sich gelegentlich auch um den Abwasch kümmert.
Am wichtigsten für die Identifikation mit dem College ist jedoch der Sport. Als Mitglied des Fußballteams spielen wir regelmäßig gegen andere Colleges und mit der Zeit haben sich klassische Rivalitäten entwickelt. Diese werden besonders beim Rudern deutlich, der angesehensten und traditionellsten Sportart in Oxford. Neben dem Rudern gibt es aber noch unzählige andere Traditionen in Oxford, die einem zu Beginn erst einmal sehr merkwürdig vorkommen.
Angefangen hat es schon in meiner ersten Woche, in der ich mir gleich einmal einen Talar (engl. gown) und eine weiße Fliege besorgen musste. In diesem Anzug wird man dann feierlich mit den anderen Erstsemestern auf Lateinisch immatrikuliert, dabei wurde mir dann zum ersten Mal bewusst, dass ich an keiner ganz normalen Universität gelandet bin. Wenn die Zeremonie vorüber ist geht man gemeinsam in das legendäre Pub The Turf und stoßt mit einer Pint Ale an. Die Immatrikulationsfeier findet in den Examination Schools statt, in denen wir normalerweise unsere offiziellen Prüfungen schreiben, natürlich auch wieder mit Talar und Fliege! Die Schools sind nur eines von unzähligen historischen Gebäuden in Oxford und die ganze Stadt strotzt nur so von alten Bauwerken. Dies hat Oxford auch den Namen City of Dreaming Spires eingebracht.
Ein weiterer Brauch sind die sogenannten Crew Dates, dabei verabredet sich die Sportteams verschiedener Colleges, z.B. die Männerfußballmannschaft meines Colleges mit dem Frauen Lacrosseteam eines anderen Colleges in einer Bar. Dabei muss man auch wieder auf den Dresscode achten, nämlich shirt and tie. Von der Bar aus geht man dann gemeinsam in ein Restaurant zum Essen, wo dann immer abwechselnd Junge-Mädchen nebeneinandersitzen und man versucht sich besser kennenzulernen. Das Ganze ist irgendwie kindisch, aber die Briten mögen es eben gerne traditionell. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Politik und gegenüber einem richtig konservativen Tory ist ein erzkonservativer Bayer geradezu harmlos.
Auch der letzte Brauch hat wieder mit Essen zu tun und zwar mit einem formellen Dinner, der sogenannten Formal Hall. Diese findet immer dienstags in unserem Essensaal statt und dabei sind auch wieder Anzug und Talar zu tragen. Zu Beginn sitzen wir Studenten alle in der Main Hall und warten auf das geschlossene Erscheinen der Professoren und des Prinzipals. Wenn diese eintreffen, erheben sich alle schweigend bis alle Professoren am High Table Platz genommen haben und das lateinische Tischgebet gesprochen wurde. Dann wird es ausgelassener, denn man bekommt ein 3-Gänge Menü und dazu ausreichend Wein serviert. Von letzterem hat unsere Universität anscheinend genügend und erst vor kurzem wurde berichtet, dass wir Weinreserven im Wert von über 2 Millionen Pfund besitzen.
Aber natürlich sind wir auch sonst sehr gut ausgestattet, in über 100 Bibliotheken lagern mehr als 11 Millionen Bücher und es werden Tag für Tag mehr, da Oxford eine der 6 Referenzbibliotheken ist und somit eine Kopie von jedem in Großbritannien publizierten Buch erhält.
Außerhalb meines Colleges bin ich in der German Society aktiv, wo wir vor kurzem Gregor Gysi zu Gast hatten und wo wir im nächsten Term Herrn Stoiber erwarten. Zudem bin ich noch Mitglied in der United-Nations Society, mit der ich schon zu zwei Model United Nations Konferenzen gefahren bin. Ich würde mich freuen wenn ich den ein oder anderen der Effner MUN-Gruppe bald mal bei unserer OXIMUN-Konferenz treffen würde.
Zum Schluss noch ein paar Wort zu meinem Studiengang, der wohl einer der berühmtesten in Oxford ist. Vor kurzem fragte sogar die BBC: „Why does PPE rule Britain?“. Die einfache Antwort darauf ist, dass der englische Premierminister David Cameron sowie fünf seiner Kabinettsmitglieder und sogar der Oppositionsführer der Labourpartei PPE studiert haben. Weitere PPE Studenten sind u.a. der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck und den Medienmogul Rupert Murdoch. Manch einer behauptet sogar, was heute in Oxford gelehrt wird, würde in 20 Jahren in Westminster umgesetzt.
Jedoch muss man sich das Ganze auch hart erarbeiten. So schreibe ich jede Woche ein bis zwei Essays mit je 2000 – 3000 Wörtern, die dann in Tutorien mit ein bis zwei Mitstudenten kritisch besprochen werden. Vor allem in Phillosophie ist der Stoff oft recht anspruchsvoll und wir beschäftigen uns mit metaphysischen und epistemologischen Fragen sowie der Philosophie der Logik. Im Großen und Ganzen bin ich aber sehr zufrieden mit meinem Studium und fühle mich ganz wohl in England, auch wenn ich ab und zu wehmütig an meine Schulzeit am JEG zurückdenke, in der man fast ein Jahr für seine Facharbeit hatte anstatt nur ein paar Tage und in der sich der Philosophiestoff in Ethik auf einem Spickzettel unterbringen ließ. Trotzdem kann ich sagen, dass mich das Effner eindeutig besser vorbereitet hat als die meisten berühmten und sündhaft teuren Public Schools von denen meine Freunde kommen.
Max Göttler im Mai 2011