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Linda: Von Herrn Mannheimer, der eben zu uns gesprochen hat,
stammt die folgende Äußerung, die er im Gespräch mit Schülern machte:
Corinna: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber
dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."
Linda: Das, was dieser Satz aussagen will, scheint einfach und leicht
verständlich zu sein. Aber bei genauerem Hinsehen erweisen sich die
Fragen, die dieser Satz aufwirft, als schwierig und komplex.
Es sind Fragen, die um die Begriffe Schuld, Verantwortlichkeit und Scham
kreisen. Dass wir keine Schuld tragen für das, was geschah, ist
offensichtlich: Wir sind 40 Jahre nach Kriegsende geboren. Dass wir nicht
verantwortlich sind für diese Vergangenheit, ist ebenso offensichtlich.
Corinna: Und doch:
Wenn wir nicht verantwortlich sind für das, was geschah, weshalb schämen
wir uns für diese Vergangenheit?
Was hat es mit dieser Scham auf sich?
Und inwiefern ist es denn unsere Vergangenheit, wenn wir nicht für sie
verantwortlich sind?
Welche Verbindung besteht eigentlich zwischen unserer Gegenwart und
Zukunft und dem, was zurück liegt in einer fernen und doch in unseren
Köpfen gegenwärtigen Vergangenheit?
Es zeigt sich, dass die Fragen, die sich hinter dem Begriff der
Verantwortung verbergen, kompliziert sind. Und es zeigt sich, dass die
Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht, auch in unsere Gegenwart
Wir wollen wir Ihnen dies an zwei Beispielen erläutern.
Linda: Ich wohne in Dachau schon seit meiner Geburt, 1989. Aber das ist nicht
ganz richtig ausgedrückt. Meine Mutter wollte nicht, dass in meinem Pass
steht: Geburtsort Dachau. Und deshalb ist meine Mutter zur Entbindung nach
München gefahren. 45 Jahre nach dem Krieg hat meine Mutter gedacht, dass
für mein Leben der Hinweis auf den Geburtsort Dachau ein Nachteil wäre. Es
wäre tatsächlich ein seltsames Gefühl, wenn ich mein Leben lang mit dem
Begriff "Dachau" in Verbindung gebracht werde. Eigentlich ist Dachau doch
eine ganz normale Stadt, wieso ist es einem dann unangenehm, wieso schämt
man sich dafür dort zu wohnen, von dort zu stammen? Dies hat viel
mit Geschichte zu tun und auch mit Verantwortung, in die ich einbezogen
bin und eben mit Scham.
Corinna: Ein zweites Beispiel: Ich war letztes Jahr bei unserer Austauschschule
in Danzig. Wir sind in das wenige Kilometer entfernte ehemalige KZ Stutthof gefahren. Für uns Deutsche waren Trauer und vor allem auch Scham
die bestimmenden Gefühle beim Besuch der Gedenkstätte. Die polnischen
Schülerinnen und Schüler, die uns dorthin begleiteten, haben aber uns
gegenüber gesagt, dass sie uns keinen Vorwurf machen. Wir haben uns
dadurch ungeheuer erleichtert gefühlt. Das ist eigentlich eine sehr
verfahrene und verwickelte Angelegenheit: Weshalb war ich erleichtert?
Hatte ich Angst, für schuldig und verantwortlich gehalten zu werden?
Haben 16-Jährige Deutsche, die heute nach Polen fahren, wirklich einen
Grund zur Scham? Warum schämen wir uns? - Dieses Gefühl ist ja echt, nicht
nur vorgespiegelt oder Schau.
Linda: Für uns ergibt sich hieraus eine wichtige Frage: Wie funktioniert das,
was in uns vorgeht, wenn wir uns mit dieser, unserer Geschichte
beschäftigen?
Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, dass wir uns dieser Situation
bewusst werden. Wir wissen, dass wir nicht schuld sind an den
schrecklichen Verbrechen, die vor über 60 Jahren begangen worden sind.
Aber unser Gefühl sagt uns: Das, was damals geschehen ist, geht uns nach,
es bleibt an uns haften. Wir schämen uns.
Scham empfinden wir, wenn wir hören, wenn wir sehen und lesen, welches
unendliche Leid Menschen anderen Menschen angetan haben. Wenn wir erkennen
müssen, dass, wie es
Herr Terry einmal formuliert hat, wir nur mit einer sehr dünnen Firnis
der Menschlichkeit überdeckt sind. Und Scham empfinden wir auch, weil die,
die es taten, die Verbrecher, aus unserem Land kamen.
Aus dem Gefühl der Scham erwächst das Gefühl einer Verantwortung, einer
besonderen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft. Wir dürfen nicht stumm
und untätig bleiben, damit solches Leid nie wieder geschehen kann.
Corinna: Wir sind der Vergangenheit nicht unterworfen, aber wir müssen uns ihr stellen.
Wir müssen lernen und wissen, was geschah, wie es geschah und weshalb es
geschehen konnte. Sie alle können unsere Bemühung um das Kennenlernen des
Vergangenen hier in der Ausstellung sehen, die wir für Sie erarbeitet
haben. Schülerinnen und Schüler aus ganz verschiedenen Regionen Bayerns
haben diese Ausstellung in einem gemeinsamen Projekt produziert. Wir
wollten erforschen, wie Terror, Krieg und Befreiung in unserer
unmittelbaren Umgebung Realität wurden. Im Blick auf das Nahe, auf das
Konkrete wurden für uns die Ereignisse vor 60 Jahren plastisch und
greifbar. Die große, abstrakte Geschichte ist greifbar geworden, Menschen
haben Namen, Opfer und Befreier haben Gesichter bekommen. Wir verstehen
jetzt auch eine der Forderungen von Herrn Terry an unsere
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Wichtig sei es, den
Menschen, die zu Nummern degradiert wurden, wieder ihre Namen zu geben: "Give
them back their names!".
Linda: Sehr geehrter Herr Mannheimer, sehr geehrter Herr Terry, sehr geehrte ehemalige Häftlinge der Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg,
Wir sind Ihnen, den Überlebenden der NS-Verbrechensherrschaft zu tiefem
Dank verpflichtet. Trotz des ungeheuren Leids, das sie erfahren haben und
das mit der Befreiung vor 60 Jahren nicht endete, haben wir bei Ihnen ein
so großes Maß an Menschlichkeit vorgefunden: In den Gesprächen mit Ihnen,
in Ihren Lebensgeschichten, haben wir an Sicherheit gewonnen. Uns frei von
Schuld zu fühlen und uns verpflichtet zu fühlen, - beides schien hier
möglich. Vielleicht ist das eine Voraussetzung dafür, dem Satz von Herrn
Mannheimer zu entsprechen: dass es nicht wieder geschieht, dafür fühlen
wir uns verantwortlich und dafür sind wir verantwortlich.
Corinna: Deshalb sollten wir uns verpflichtet fühlen, die Ereignisse des
Dritten
Reichs, so schrecklich sie auch waren, in unserer Erinnerung wach zu
halten und aus ihnen zu lernen. Besonders wir Deutschen haben gegenüber
der Welt die Verantwortung dafür zu sorgen, dass sich die Nazi-Ideologie
nie wieder in den Köpfen festsetzen kann. Aber diese Verantwortung haben
wir auch gegenüber uns selbst. Jeder einzelne von uns sollte sie tragen,
indem er die Augen offen hält, das tägliche Geschehen kritisch betrachtet
um gegebenenfalls im richtigen Moment zu handeln. Dies ist unsere Aufgabe,
vor allem die der heutigen Jugend. Und diese kann uns nur bewusst werden,
durch die Erfahrungen und das Wissen welches wir von Ihnen, liebe
Zeitzeugen, dankend entgegennehmen.
Herzlichen Dank
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