Lernort Dachau

 

Kostenlose Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau

Schulklassen, die an einer Führung durch die KZ-Gedenkstätte Dachau oder durch die Außenlager bei Kaufering unter der Leitung von Lehrern interessiert sind, können sich unter der Telefonnummer 08131-66 64 720 anmelden; es empfiehlt sich eine langfristige Vorausplanung.

Statt zu einer regulären Führung, die 1 1/2 Stunden dauert, können Sie sich auch zu einem Halbtagesprogramm anmelden.

Die Dienstzeiten von Frau Istenes, die die Buchungen entgegennimmt: Montag und Dienstag, 11.30-15.00 Uhr; Mittwoch, Donnerstag und Freitag 7.30-11.30 Uhr

Falls Sie Frau Istenes telefonisch nicht erreichen können, senden Sie ein Fax an 08131-66 64 721 oder schreiben Sie an gedenkstaettenbetreuung.jeg@effner.de!

 

Anmerkungen zur Gedenkstättenarbeit

Politische Bildung wurzelt in besonderem Maße in der Geschichte. Eine Reflexion über ihre Ziele ohne historische Grundlage wäre im buchstäblichen Sinne eine Bodenlosigkeit. Weiter: Keine politische Gemeinschaft, so groß oder auch so klein sie sein möge, kann sich den historischen Boden, auf dem sie steht, aussuchen. Jede Generation tritt ein geschichtliches Erbe an, und dass historisches Erbe ungeteilt, also auch in seinen dunklen, ja unmenschlichen Aspekten nun einmal auferlegt ist, daran wird niemand vorbeikommen. Was mit einem solchen Erbe allerdings geschieht, ist damit freilich noch nicht entschieden. Nur eines können wir mit Sicherheit nicht: Es ablehnen. Was machen wir damit? Modischer ausgedrückt: Wie gehen wir damit um? Dass bei Dachau, unserem "Lernort Dachau", zwölf Jahre lang, die zwölf Jahre des auf tausend Jahre angelegten "Dritten Reiches", ein Konzentrationslager stand, ist ein solches Erbe und das "Umgehen damit" ist unsere Aufgabe. Wir können nicht nicht damit umgehen.

 

"Was fruchtbar ist, allein ist wahr."

Aber wir können es - auch wenn manchem dieser Ausdruck unangemessen scheinen mag - fruchtbar für uns machen, müssen nicht immer nur die sog. "Hypothek" beklagen. Goethes "Was fruchtbar ist, allein ist wahr" als methodischer Leitfaden für unsere Auseinandersetzung mit diesem Kapitel unserer Geschichte? Ist das nicht abwegig gedacht? Sucht hier nicht einer einen Ausweg, der jenem anderen, dem larmoyanten, nur ein exotisches Gegenstück zugesellt? Ich meine nicht! Und ich möchte erläutern, inwiefern die Reflexion über die Ziele politischer Bildung und eine verantwortliche Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte unter intensiver Einbeziehung des lokal-geschichtlichen Aspekts des Konzentrationslagers Dachau sich wechselseitig bedingen. Um konkret zu werden: Unsere 9. Jahrgangsstufe besucht im Zusammenhang mit der lehrplanmäßig vorgesehenen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus die KZ-Gedenkstätte. Den unterrichtlichen Rahmen für die Vor- und Nachbereitung des Besuchs bildet das Thema Widerstand, Verfolgung und Vernichtung von der "Reichstagsbrandverordnung" vom 28.2.33 und der damit vollzogenen Ausschaltung der Grund- und Menschenrechte bis hin zur Massenvernichtung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges. Die Exkursion in die Gedenkstätte bringt dann die ausführliche Konkretisierung am Beispiel der Geschichte und der Struktur des Konzentrationslagers Dachau. Einen weiteren Schritt in Richtung Konkretisierung von Geschichte stellt in unserem Gymnasium dann in der Regel eine Woche nach dem Gedenkstättenbesuch eine doppelstündige Veranstaltung dar, in der die Schüler der 10. Klassen Gelegenheit haben, mit einem Zeitzeugen, einem Verfolgten des NS-Regimes, zu sprechen, ihm Fragen zu stellen, von seiner ganz persönlichen Leidensgeschichte zu hören.
 

Womit werden unsere Schüler in der KZ-Gedenkstätte konfrontiert?

Kranzniederlegung

Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau legten Herr Dr. Stecher, Herr Hagedorn und Frau Ettenberger im Namen der Betreuungslehrer einen Kranz am Mahnmal auf dem ehemaligen Appellplatz nieder.

 

Bevor ich nun auf den mit dem Gedenkstättenbesuch verbundenen historischen Lernprozess zu sprechen komme, seien hier noch einige Informationen über die Betreuung auswärtiger Schulklassen in der KZ-Gedenkstätte durch unser Gymnasium gegeben: Diese Einrichtung gibt es seit dem Schuljahr 1980/81. Damals waren drei Kollegen verschiedener Schularten mit einem Teil ihres Deputats an die Gedenkstätte abgeordnet (Hauptschule, Berufsschule und Gymnasium, Realschulvertreter kamen später hinzu), die sowohl ein inhaltliches als auch organisatorisches Konzept für die pädagogische Betreuung in der Gedenkstätte entwickelt und praktiziert haben. Heute sind es insgesamt elf Lehrer (vom JEG die Kollegen Abtmeier, Buhles-Margraf, Marx, Mock, Reich und Triebfürst), die dort einen Teil ihres Dienstes tun. Frau Istenes nimmt im JEG die Anmeldungen der auswärtigen Lerngruppen von der Sonderschulklasse bis zur Kollegstufe des Gymnasiums, die hauptsächlich aus Bayern, teilweise aber auch von weither zu uns kommen, entgegen.

Womit werden Schüler in der KZ-Gedenkstätte konfrontiert? Zunächst und vor allem selbstverständlich mit dem, was Menschen dort Menschen angetan haben. Verhaftung und lange Verhöre durch die Gestapo standen am Anfang des Leidensweges; dann die Einlieferung ins KZ auf unabsehbare Zeit, vielleicht mit dem todbringenden Vermerk "Sonderbehandlung", eine Einlieferung ohne jedes Gerichtsurteil; die vielen Formen der Entwürdigung im Lager: Unterbringung in überfüllten Unterkünften, brutale körperliche Strafen wie Baumhängen und Prügelstrafe, Todesstrafen durch Erhängen oder Erschießen, dazu die vielfältigen medizinischen Versuche, die zahlreiche Opfer forderten, um nur einen Ausschnitt zu geben aus den unerschöpflichen Praktiken des Terrors im Lager.

Das Dachauer KZ war ein überwiegend "politisches" Lager. Wofür die politischen Häftlinge ihren Leidensweg im KZ anzutreten hatten? Sie hatten Gebrauch gemacht von ihren elementaren Menschenrechten; hatten ihre persönliche politische Meinung geäußert; waren mutig genug gewesen, das Unrechtssystem des Nationalsozialismus zu kritisieren, Zielsetzungen nicht genehmer Parteien (ob sozialistisch oder konservativ) zu vertreten; hatten christliche Ethik über die von der NSDAP verordnete rassistische gestellt; hatten nicht geschwiegen, wenn sie sahen, was den Juden für ein Unrecht angetan wurde; sich nicht eingeordnet in die uniforme Volksgemeinschaft.

Wofür die politischen Häftlinge eintraten, was sie einbrachten in die neue demokratisch-rechtsstaatliche Ordnung der Bundesrepublik (ich erinnere nur an Dr. Josef Müller, genannt "Ochsensepp", einen der Gründungsväter der CSU, und an den großen Sozialdemokraten Dr. Kurt Schumacher, beide Dachau-Häftlinge), auf der anderen Seite das, was sie erlitten in der KZ-Haft als zynischer Negation dessen, wofür sie eingetreten waren: Hieran können Schüler auf eindringliche Weise viel von dem erfahren, verdeutlicht an einer ganz konkreten historischen und auch lokalisierten Situation, wovon in unseren Grundrechten als ethisch-politischem Fundament des Grundgesetzes die Rede ist.

Sie können noch einen anderen Bereich menschlichen Handelns, positive Anthropologie sozusagen, bei einer sachgerechten Führung in der Gedenkstätte kennen lernen. Ich meine die Art und Weise, wie viele Häftlinge, deren Widerstand sie zu Verfolgten des NS-Regimes machte, sich von Gestapo und SS n i c h t in ihrer Persönlichkeit brechen ließen, wie sie in solidarischer Verbundenheit über Partei- und nationale Grenzen hinweg untereinander sich oft das Überleben ermöglichten, wie in den zahllosen Kleinigkeiten des Häftlingsalltags sich diese Solidarität unter Beweis stellte, sei es in der Unterkunft, auf dem Appellplatz, im Arbeitskommando. Die Zivilcourage Karl Wagners, des Häftlingskapos, der sich weigerte, auf Befehl der SS Mithäftlinge zu schlagen, wäre hier als e i n Beispiel zu erwähnen.

Von größter Bedeutung war die Nichtaufgabe geistiger Bezugspunkte. Der holländische Häftling Nico Rost erzählt in seinem Tagebuch "Goethe in Dachau" von der Klassikerlektüre, die ihm und so manchem anderen seiner Mithäftlinge half, das geistige Rückgrat in der entseelten Maschinerie des KZ-Alltags zu bewahren und zu stärken. Eindrucksvolle Zeugnisse geistig-geistlichen Überlebens geben auch die Berichte der zahlreichen Geistlichen, die im KZ Dachau als politische Gegner des Nationalsozialismus inhaftiert waren. Nicht ausgespart werden darf selbstverständlich die Perspektive auf die "Herren" im KZ, die SS-Leute. Man könnte es ein Lehrstück in negativer Anthropologie nennen, wie ganz "normale" Menschen, oft junge Leute, nicht viel älter als die Schüler, von der Ideologie des Nationalsozialismus verführt, indoktriniert, in Antisemitismus und arischer Selbstverherrlichung geschult, zur Intoleranz und Gewalttätigkeit erzogen, zu jenen "Schergen" des Systems der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden, denen das Leiden und Sterben der Häftlinge gleichgültig blieb oder gleichgültig bleiben musste.

 

"Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben."

Lernort Dachau. Was das heißen mag, kann nur der ermessen, der um die Realität der Geschichte des KZ weiß, der den damit verbundenen, unschätzbaren historisch-politischen Erfahrungen, die immer auch ganz persönlich-menschliche sind, etwas näher gekommen ist. Denn dass historischer Anschauungsunterricht, von dessen Facetten vorstehend nur im Überblick die Rede sein konnte, zu einer auch emotionalen Verlebendigung des Bewusstseins elementarer Menschenrechte gerade vor dem dunklen Hintergrund ihrer Bedrohung und Ausschaltung beitragen kann, dürfte klar geworden sein. Und wer wollte bezweifeln, dass historische Fallstudien wie die oben angedeuteten, in unserer jüngsten Geschichte angesiedelt, im ehemaligen KZ Dachau lokalisiert, einen unverzichtbaren Beitrag zu leisten vermögen zu einer politischen Bildung, die sich nicht damit begnügt, etwa nur Institutionen und ihre Aufgaben in Staat und Gesellschaft abstrakt zu thematisieren, sondern auf eine reflektierte, wertorientierte Grundlegung nicht verzichten will, nicht verzichten darf. "Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben." Diesem bedenkenswerten Wahrspruch begegnen wir am Schluss der Dokumentation der KZ-Gedenkstätte.

Hans-Peter Hagedorn
 

Bei einem Gedenkakt in der Münchner Residenz anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager in Bayern, hielten Linda Krause, eine Schülerin des JEG, und Corinna L., eine Schülerin des Bonhoeffer-Gymnasium, eine viel beachtete Ansprache, in der sie ihre Gedanken über Scham, Schuld und Verantwortung junger Deutscher darlegten.
Den vollständige Text der Rede finden Sie hier


 

 

 


Zusätzliche Informationen finden Sie auf den Seiten der Gedenkstättenpädagogik Bayern und der KZ-Gedenkstätte Dachau.

 

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