Gesichter der Lagerstrasse

Dachauer Häftlinge Im Nachkriegseuropa

 


"Es war genau 5.28 Uhr als sich das große Tor öffnete. Das Schießen hatte aufgehört und alles rannte über den Appellplatz zum Tor. 
Vorsichtig betraten die ersten Amerikaner unser Lager - ihre Maschinenpistolen schußbereit -, sehr groß, breitschultrig und dick: "Hallo boys, here we are!" Nun gab es kein Halten mehr.
In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend ...
Ich glaube nicht, daß ich in dieser Minute nur an mich selber dachte, ich fühlte nur, daß dies ein historischer Augenblick war - ein Ende - und ein Anfang."  
(Nico Rost am 29. April 1945)

Mit der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch amerikanische Truppen am 29. April 1945 nahm das jahrelange Leiden der Häftlinge ein Ende. Doch wie sollte es weiter gehen? Viele der Inhaftierten standen vor dem Nichts, das Zuhause zerstört, die Familie umgekommen oder in alle Winde zerstreut. Man hätte meinen können, das persönliche Leid der Opfer des Nationalsozialismus sei so groß gewesen, dass für Überlegungen über eine politische Zukunft kein Platz war.

Gerade das Konzentrationslager Dachau aber war ein Lager der "Politischen" gewesen, der Häftlinge, die den roten Winkel trugen. Und so erleben wir, dass es immer wieder "Dachauer" waren, die nach 1945 politische Verantwortung in ihren Ländern übernahmen.

Gemeinsam war ihnen allen das "Nie wieder" zu Faschismus, Rassenhass und Unterdrückung der Freiheit, so verschiedene Wege sie auch gingen, ob sie zu den Begründern der CSU gehörten wie Josef Müller (der "Ochsensepp") oder Alois Hundhammer, ob sie führende Sozialdemokraten waren wie Kurt Schumacher oder Thomas Wimmer oder ob sie sich den Kommunistischen Parteien anschlossen wie der letzte Dachauer Lagerälteste Oskar Müller oder der Österreicher Viktor Matejka.

Und weil sie aus verschiedenen europäischen Ländern nach Dachau deportiert worden waren, war das KZ Dachau eine Keimzelle demokratischen Denkens in vielen Ländern Europas, aber auch der Versöhnung über Ländergrenzen hinweg. Der Belgier Arthur Haulot, der Franzose Edmond Michelet, der Österreicher Hermann Langbein, der Niederländer Nico Rost - sie standen für eine internationale Häftlingsgesellschaft, die der Garant sein sollte und wollte für eine Zukunft des friedlichen Zusammenlebens der Völker Europas. Sie alle versuchten in ihren Ländern die Konsequenz aus ihren Dachauer Erfahrungen zu ziehen.

Doch man muss ehrlich sein. War es der "Geist der Lagerstraße", dieses breiten Weges zwischen den langen Reihen der Häftlingsbaracken, wo man sich über Länder- und Parteigrenzen hinweg traf und austauschte, war es dieser Geist internationaler Solidarität und Toleranz, der bestimmend wurde in Deutschland und Europa nach 1945?


Spätestens seit dem Jahr 1947 mit "Containment-Politik" und Truman-Doktrin im Westen und "Zwei-Lager-Theorie" im Osten war die Vision der einen Welt des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt ausgeträumt. Auf dem Boden des ehemaligen Deutschen Reiches entstanden zwei Frontstaaten ihrer jeweiligen Blöcke, die mit ihrem "Anti-Imperialismus" und "Anti-Kommunismus" den Geist der Lagerstraße nicht widerspiegelten.


Und Europa? Zwar hatte die Jugend nach 1945 Schlagbäume niedergerissen und feierlich verbrannt, aber nur, damit sie wenig später neu errichtet wurden. Auch Europa spaltete sich in EWG hier und Comecon dort, in WEU hier und Warschauer Pakt dort. Das Europa der Römischen Verträge von 1957 war ein aus dem Zwang zur Einbindung Westdeutschlands und weltwirtschaftlichen Konkurrenzüberlegungen geborenes Zweckbündnis.


Sind die "Dachauer" also letztlich gescheitert? Nicht, solange die Biographien der ehemaligen Häftlinge, ihre Ziele und ihr politisches Werk im Gedächtnis der Menschen und gerade der jungen Menschen bleiben. Und das ist das Wichtigste: nicht zu vergessen, wohin Rassen- und nationaler Wahn Menschen führen können, immer wieder Zivilcourage zu entwickeln gegen den Hass auf das Fremde.


Dazu will die folgende Dokumentation beitragen, die Schüler des Dachauer Josef-Effner-Gymnasiums zusammengetragen haben. Möge sie ihre Betrachter zum Nach-Denken veranlassen, damit uns das Nach- oder Noch-einmal-Erleben erspart bleibt.

 

  Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Gesichter der Lagerstraße" von Hans-Günter Richardi


Warum gerade Dachau?

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