Viktor Matejka, ein
unabhängiger Linker
Geboren am 4. Dezember 1901 im niederösterreichischen Korneuburg als
Sohn eines Gerichtsdieners und eines Dienstmädchens wächst Viktor
Matejka unter sieben Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Von
seinem Ministrantengeld bezahlt er die Gebühr für die Aufnahmeprüfung
ins Gymnasium, zu der er sich ohne Wissen der Eltern anmeldet. Die
Reifeprüfung legt er mit Auszeichnung ab und studiert an der Wiener
Universität Geschichte und Geographie.
Aus einer katholisch-konservativen Studentenverbindung, der er auf
Wunsch der frommen Mutter beigetreten war, wird er "cum
infamia" ausgeschlossen. Das Studium schließt er 1925 mit einer
Promotion über das Völkerrecht ab.
Nach dem Studium arbeitet Matejka an verschiedenen Zeitschriften mit. In
den "Berichten zur Kultur- und Zeitgeschichte" veröffentlicht
er, der Verehrer von Karl Kraus und überzeugte Pazifist, einen Aufsatz
mit dem Titel "Zwischenspiel Hitler", in dem er bereits 1932
vor einem künftigen Krieg warnt. Schon kurz nach seinem Erscheinen
hatte er Hitlers "Mein Kampf" gelesen und sah weitblickend die
drohende Gefahr voraus. Nach dem Putsch und Dollfuß-Mord von 1934 wird
Matejka "Bildungsreferent der Kammer für Arbeiter und Angestellte
für Wien". Er schließt sich der "Weltvereinigung für den
Frieden" an. Nach dem "Anschluss" Österreichs wird er
durch eine Sekretärin bei der NSDAP denunziert, sofort verhaftet und
mit dem "Prominententransport" vom 1. April 1938 ins KZ Dachau
gebracht. Dort erreicht ihn seine Dienstenthebung.
Häftling im KZ Dachau: Bibliothek
und Theater
In Dachau versucht Kurt Schumacher, der als "graue Eminenz"
die Lagerbibliothek leitet, Matejka in die Bibliothek einzuschleusen.
Nach einigen Unstimmigkeiten will der einflussreiche Schumacher Viktor
Matejka allerdings wieder loswerden, indem er ihn für die Ausbildung
als Häftlingsbibliothekar vorschlägt. Schumacher rechnet damit, dass
der ungeliebte Matejka nach dieser Ausbildung ins KZ Natzweiler verlegt
wird. Diese Rechnung geht allerdings nicht auf, Matejka bleibt in der
Dachauer Lagerbibliothek.
Hier ist er einerseits bestrebt, die Bildung seiner Mithäftlinge zu
fördern, indem er Bücher in die Baracke mitnimmt und unter den
Zimmergenossen verteilt. Andererseits gelingt es ihm, verbotene Bücher,
wie "Die letzten Tage der Menschheit" des verehrten Karl Kraus
einzuschmuggeln.
Von seiner Frau lässt er sich, als dies den Häftlingen erlaubt wird,
verschiedene Zeitschriften schicken. Aus diesen verfertigt er die für
ihn charakteristisch gewordenen "Pickbücher", das heißt, er
klebt (österreichisch "pickt") Zeitschriftenaufsätze, die
die Verlogenheit des NS-Regimes bloßstellen sollen, auf Buchseiten, die
von befreundeten Häftlingen in der Buchbinderei des Lagers zu richtigen
Büchern in Postkartengröße gebunden werden. Diese
"Pickbücher" werden dann nur an vertrauenswürdige Häftlinge
verliehen.
Bei der vorübergehenden Räumung des Lagers Dachau werden Matejka wie
auch Schumacher ins KZ Flossenbürg verlegt. Matejka beginnt dort gegen
den Widerstand Schumachers, dem hier zu viele "Grüne", das
heißt Berufsverbrecher, den Ton angeben, eine Häftlingsbibliothek
aufzubauen, deren Bestände bei der Rückkehr nach Dachau im Frühjahr
1940 auf Veranlassung Schumachers mitgenommen werden.
Zurück in Dachau
gelingt es Schumacher, den lästigen Mithäftling wegzuloben: Matejka
wird Sekretär des SS-Schulungsleiters Rieth, dessen Vertrauen er
gewinnt, wofür er sich nach dem Krieg immer wieder rechtfertigen muss.
Er bemüht sich aber nach eigenen Aussagen, auch auf diesem Posten
darum, die kulturellen Belange der Häftlinge zu fördern.
In dieser Funktion bekommt es
Matejka auch mit einem der skurrilsten Vorgänge im KZ Dachau zu tun:
dem Theaterstück "Die Blutnacht auf Schreckenstein" mit den
Untertiteln "Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht",
einer Posse, die von Matejka angeregt, von Häftlingen verfasst,
inszeniert und im Juni 1943 im Lager aufgeführt wird. Das Stück ist
eine Persiflage auf Hitler, den "Ritter Adolar". Matejkas
Vorgesetzter Rieth genehmigt die Aufführung, die SS-Leute werden als
Ehrengäste geladen und amüsieren sich, weil sie die Persiflage nicht
verstehen oder nicht verstehen wollen. Nach mehreren Aufführungen wird
das Stück verboten. Negative Konsequenzen für die Mitwirkenden gibt es
jedoch nicht.
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Nach 1945:
Stadtrat in Wien
Am 7. Juli 1944 wird Matejka auf Betreiben seiner Frau, die einen in
Berlin tätigen österreichischen SS-Mann mobilisiert, vorzeitig aus der
KZ-Haft entlassen. Es gelingt ihm, Militäruntauglichkeit bescheinigt zu
bekommen, und so erlebt er den Einmarsch der Roten Armee am 10. April
1945 in Wien.
Erst 1945 tritt Matejka einer Partei bei, der KPÖ. Er unterwirft sich
aber nie einer Parteidisziplin, kritisiert öffentlich Stalin, indem er
ihn mit Hitler vergleicht, und versucht die Partei aus ideologichen
Verkrustungen herauszuführen.
Am 20. April 1945 bereits wird er Stadtrat für Kultur und Volksbildung.
Für die KPÖ ist er als ehemaliger KZ-Häftling und in seiner neuen
politischen Funktion ein Aushängeschild - auch das ein Grund dafür,
dass er innerparteilich "Narrenfreiheit" genießt.
In seinem Stadtratsamt betreibt er ofort den Wiederaufbau des Wiener
Kulturlebens unter der Devise: "Die Kultur eines Staates ist die
Kultur der 24 Stunden des Tages." Doch auch um Kultur im
traditionellen Sinne bemüht er sich, etwa beim Aufbau der Wiener Oper,
der Rückholung prominenter Wiener Intellektueller aus dem Exil, wie den
Maler Oskar Kokoschka, oder die Gründung des Wiener Kulturfonds.
Daneben kehrt er zu seinen Ursprüngen zurück, indem er die
Volkshochschule wieder aufbaut.
Im Jahr 1949 legt er sein Amt als Stadtrat nieder, im Jahr 1957 zieht er
sich auch aus dem Zentralkomitee der Wiener KPÖ zurück. Auch als
Privatmann äußert er seine Meinung selbstbewusst und unabhängig.
Hochbetagt stirbt er 1993 in seiner Heimatstadt, die ihn mit
verschiedenen Preisen ausgezeichnet hat.
Ein Leben im Widerstand
Matejkas Lebensmotto "Widerstand ist alles", so der Titel
seiner Erinnerungen, ist bestimmend für ihn. Niemals lässt er sich
ideologisch vereinnahmen. Er behält den aufrechten Gang und die
unabhängige Meinung, im Alltag des Lagerleben wie danach in der Politik
der Nachkriegszeit. Bildung und Wissen ist für ihn nie eine Sache der
Wenigen, Elitären, er versucht in seinem ganzen Leben, Bildung zu
vermitteln. Unter widrigsten Umständen ist ihm die im
Konzentrationslager Dachau gelungen. Und so konnte er zu einem
glaubhaften Vorbild der Nachkriegsgeneration werden. |