Viktor Matejka


1901-1993

 

Von den "Pickbüchern" zum 
Stadtrat für Kultur und Volksbildung

 "Widerstand ist alles"

 

Viktor Matejka, ein unabhängiger Linker

Geboren am 4. Dezember 1901 im niederösterreichischen Korneuburg als Sohn eines Gerichtsdieners und eines Dienstmädchens wächst Viktor Matejka unter sieben Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Von seinem Ministrantengeld bezahlt er die Gebühr für die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium, zu der er sich ohne Wissen der Eltern anmeldet. Die Reifeprüfung legt er mit Auszeichnung ab und studiert an der Wiener Universität Geschichte und Geographie.
Aus einer katholisch-konservativen Studentenverbindung, der er auf Wunsch der frommen Mutter beigetreten war, wird er "cum infamia" ausgeschlossen. Das Studium schließt er 1925 mit einer Promotion über das Völkerrecht ab.
Nach dem Studium arbeitet Matejka an verschiedenen Zeitschriften mit. In den "Berichten zur Kultur- und Zeitgeschichte" veröffentlicht er, der Verehrer von Karl Kraus und überzeugte Pazifist, einen Aufsatz mit dem Titel "Zwischenspiel Hitler", in dem er bereits 1932 vor einem künftigen Krieg warnt. Schon kurz nach seinem Erscheinen hatte er Hitlers "Mein Kampf" gelesen und sah weitblickend die drohende Gefahr voraus. Nach dem Putsch und Dollfuß-Mord von 1934 wird Matejka "Bildungsreferent der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien". Er schließt sich der "Weltvereinigung für den Frieden" an. Nach dem "Anschluss" Österreichs wird er durch eine Sekretärin bei der NSDAP denunziert, sofort verhaftet und mit dem "Prominententransport" vom 1. April 1938 ins KZ Dachau gebracht. Dort erreicht ihn seine Dienstenthebung.

Häftling im KZ Dachau: Bibliothek und Theater

In Dachau versucht Kurt Schumacher, der als "graue Eminenz" die Lagerbibliothek leitet, Matejka in die Bibliothek einzuschleusen. Nach einigen Unstimmigkeiten will der einflussreiche Schumacher Viktor Matejka allerdings wieder loswerden, indem er ihn für die Ausbildung als Häftlingsbibliothekar vorschlägt. Schumacher rechnet damit, dass der ungeliebte Matejka nach dieser Ausbildung ins KZ Natzweiler verlegt wird. Diese Rechnung geht allerdings nicht auf, Matejka bleibt in der Dachauer Lagerbibliothek.
Hier ist er einerseits bestrebt, die Bildung seiner Mithäftlinge zu fördern, indem er Bücher in die Baracke mitnimmt und unter den Zimmergenossen verteilt. Andererseits gelingt es ihm, verbotene Bücher, wie "Die letzten Tage der Menschheit" des verehrten Karl Kraus einzuschmuggeln.
Von seiner Frau lässt er sich, als dies den Häftlingen erlaubt wird, verschiedene Zeitschriften schicken. Aus diesen verfertigt er die für ihn charakteristisch gewordenen "Pickbücher", das heißt, er klebt (österreichisch "pickt") Zeitschriftenaufsätze, die die Verlogenheit des NS-Regimes bloßstellen sollen, auf Buchseiten, die von befreundeten Häftlingen in der Buchbinderei des Lagers zu richtigen Büchern in Postkartengröße gebunden werden. Diese "Pickbücher" werden dann nur an vertrauenswürdige Häftlinge verliehen.
Bei der vorübergehenden Räumung des Lagers Dachau werden Matejka wie auch Schumacher ins KZ Flossenbürg verlegt. Matejka beginnt dort gegen den Widerstand Schumachers, dem hier zu viele "Grüne", das heißt Berufsverbrecher, den Ton angeben, eine Häftlingsbibliothek aufzubauen, deren Bestände bei der Rückkehr nach Dachau im Frühjahr 1940 auf Veranlassung Schumachers mitgenommen werden.
Zurück in Dachau gelingt es Schumacher, den lästigen Mithäftling wegzuloben: Matejka wird Sekretär des SS-Schulungsleiters Rieth, dessen Vertrauen er gewinnt, wofür er sich nach dem Krieg immer wieder rechtfertigen muss. Er bemüht sich aber nach eigenen Aussagen, auch auf diesem Posten darum, die kulturellen Belange der Häftlinge zu fördern.
In dieser Funktion bekommt es Matejka auch mit einem der skurrilsten Vorgänge im KZ Dachau zu tun: dem Theaterstück "Die Blutnacht auf Schreckenstein" mit den Untertiteln "Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht", einer Posse, die von Matejka angeregt, von Häftlingen verfasst, inszeniert und im Juni 1943 im Lager aufgeführt wird. Das Stück ist eine Persiflage auf Hitler, den "Ritter Adolar". Matejkas Vorgesetzter Rieth genehmigt die Aufführung, die SS-Leute werden als Ehrengäste geladen und amüsieren sich, weil sie die Persiflage nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Nach mehreren Aufführungen wird das Stück verboten. Negative Konsequenzen für die Mitwirkenden gibt es jedoch nicht.

Nach 1945: Stadtrat in Wien

Am 7. Juli 1944 wird Matejka auf Betreiben seiner Frau, die einen in Berlin tätigen österreichischen SS-Mann mobilisiert, vorzeitig aus der KZ-Haft entlassen. Es gelingt ihm, Militäruntauglichkeit bescheinigt zu bekommen, und so erlebt er den Einmarsch der Roten Armee am 10. April 1945 in Wien.
Erst 1945 tritt Matejka einer Partei bei, der KPÖ. Er unterwirft sich aber nie einer Parteidisziplin, kritisiert öffentlich Stalin, indem er ihn mit Hitler vergleicht, und versucht die Partei aus ideologichen Verkrustungen herauszuführen.
Am 20. April 1945 bereits wird er Stadtrat für Kultur und Volksbildung. Für die KPÖ ist er als ehemaliger KZ-Häftling und in seiner neuen politischen Funktion ein Aushängeschild - auch das ein Grund dafür, dass er innerparteilich "Narrenfreiheit" genießt.
In seinem Stadtratsamt betreibt er ofort den Wiederaufbau des Wiener Kulturlebens unter der Devise: "Die Kultur eines Staates ist die Kultur der 24 Stunden des Tages." Doch auch um Kultur im traditionellen Sinne bemüht er sich, etwa beim Aufbau der Wiener Oper, der Rückholung prominenter Wiener Intellektueller aus dem Exil, wie den Maler Oskar Kokoschka, oder die Gründung des Wiener Kulturfonds. Daneben kehrt er zu seinen Ursprüngen zurück, indem er die Volkshochschule wieder aufbaut.
Im Jahr 1949 legt er sein Amt als Stadtrat nieder, im Jahr 1957 zieht er sich auch aus dem Zentralkomitee der Wiener KPÖ zurück. Auch als Privatmann äußert er seine Meinung selbstbewusst und unabhängig. Hochbetagt stirbt er 1993 in seiner Heimatstadt, die ihn mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet hat.

Ein Leben im Widerstand

Matejkas Lebensmotto "Widerstand ist alles", so der Titel seiner Erinnerungen, ist bestimmend für ihn. Niemals lässt er sich ideologisch vereinnahmen. Er behält den aufrechten Gang und die unabhängige Meinung, im Alltag des Lagerleben wie danach in der Politik der Nachkriegszeit. Bildung und Wissen ist für ihn nie eine Sache der Wenigen, Elitären, er versucht in seinem ganzen Leben, Bildung zu vermitteln. Unter widrigsten Umständen ist ihm die im Konzentrationslager Dachau gelungen. Und so konnte er zu einem glaubhaften Vorbild der Nachkriegsgeneration werden.