| Vortrag zur Eröffnung der
Ausstellung "Gesichter der Lagerstraße"
am 1. Oktober 2002 im Josef-Effner-Gymnasium in Dachau Von Hans-Günter Richardi Jede Ausstellung hat ihre Geschichte. Auch diese hat ihre. Im Jahre 1995 bat mich mein Verleger Dr. Alfred Schwingenstein, Gesellschafter des "Süddeutschen Verlages" in München, die Gründungsgeschichte der Süddeutschen Zeitung in einem Buch darzustellen. Er stellte mir dafür das Archiv seines Vaters August Schwingenstein zur Verfügung. Ich fand unter den vielen Dokumenten wahre zeitgeschichtliche Kostbarkeiten. In dem Material entdeckte ich auch einen Brief von Konrad Kübler aus Landau an der Isar, dessen Lebenslauf in der Ausstellung "Gesichter der Lagerstraße" dokumentiert ist. Das Schreiben, das mich zutiefst beeindruckt hat, ist an seinen Freund August Schwingenstein, "Schwung" genannt, gerichtet und stammt vom 30. September 1945. Beide waren Redakteure von Beruf. "Ab und zu", beginnt Kübler, der im
Dritten Reich die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg erlitten hat,
"erlebt man doch auch wieder freudige Minuten. Solche hat es für mich
gegeben, als ich gestern Samstag durch Radio erfuhr, dass mein lieber
alter Schwung einer der ersten Verleger des neuen Deutschland geworden
ist. Herrgott, wie mir da das Herz lachte und wie ich vor Freude meiner
Gattin um den Hals gefallen bin. Als ich ihr dann Aufklärung gab über die
Ursache meiner freudigen Stimmung, da freute sie sich mit mir. Wir saßen
dann abends zusammen und dachten dabei an Dich und vergangene Zeiten. Nun hast Du doch die Wendung erlebt. Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen, wünsche Dir Glück und Gottes Segen zu Deinem Unternehmen, Gesundheit und ungebeugte Arbeitskraft. Nun bist Du wieder in Deinem Element, und ich zweifle nicht, daß Du die Dinge meistern wirst." Das Ergebnis war die Gründung der Süddeutschen Zeitung, die am 6. Oktober 1945 zum erstenmal in München erschien. In seinem Brief geht Kübler auch auf die harten Jahre ein, die hinter ihm liegen: "Ich habe die furchtbare Zeit trotz allem Schweren gut überstanden. Im Vorjahr hatte es fast den Anschein, als sollte ich das Ende des Tausendjährigen Reiches nicht erleben. Vielleicht weißt Du es schon, dass man mich im Juli vorigen Jahres im Anschluss an das Attentat auf den Hochstapler -gemeint ist Hitler - nochmals ins Konzentrationslager schleppte. Gefesselt hat man mich nachts aus meinem Haus geholt und über das Gestapo-Gefängnis Regensburg in das Konzentrationslager Flossenbürg verbracht. Es war ganz böse; Dachau war das reinste Sanatorium dagegen; am zweiten Tage wurde uns gleich eröffnet, dass das Lager niemand lebend verlassen wird. Und doch habe ich die Freiheit wieder erlangt. Gottes Hand war sichtlich über mir. Ich war trotz allem Schrecklichen und der 60 Lebensjahre so stark, dass ich viele Leidensgefährten trösten konnte. Beim Kampf um Landau wäre ich beinahe noch 'draufgegangen". Es kam SS in unsere Stadt, die den Isarübergang verteidigte und mich suchte. Von einem Freund wurde ich gewarnt und konnte mich noch rechtzeitig aus dem Staub machen. Und so lebe ich noch." Nach der Beschreibung des Vergangenen wendet sich Kübler wieder der Gegenwart zu. "Vielleicht", fährt er fort, "hast Du es auch durch Radio oder sonstwie erfahren, dass ich seit 10. Mai Landrat des Landkreises Landau bin. Habe ein gerüttelt Maß an Arbeit und Sorge auf meinen Buckel bekommen. Aber was hilft es; ich kann mich der Arbeit nicht entziehen. Nun geht mein Streben natürlich dahin, zum angestammten lieben Beruf zurückzukehren. Ich möchte wieder einmal eine Zeitung machen. Möchte meinen Mitbürgern all das sagen, was ich auf dem Herzen habe. Aber bis wir Provinzverleger (mit einer Lizenz der US-Militärregierung) 'drankommen", wird wohl viel Zeit vergehen. Oder weißt Du Wege, die schneller zum Ziele führen? Der Gouverneur meiner Militär-Regierung wünscht dringend die baldige Herausgabe einer Zeitung. Aber ich habe im Leben warten gelernt und
bin gewohnt, meine Wünsche zurückzustellen. Zur Zeit gebe ich jede Woche
ein vierseitiges Mitteilungsblatt als Amtsblatt meines Amtes heraus; es
hat eine große Auflage, denn jeder will die Zeitung haben, wenn es auch
nur ein Notbehelf ist. Der Hunger nach Lesestoff ist groß. * Konrad Kübler ist kein Einzelfall. Wie er gingen zahlreiche politische Häftlinge aus dem KL Dachau nach ihrer Befreiung sofort daran, sich wieder politisch zu betätigen. Krankheit und Unterernährung konnten sie nicht davon abhalten, sich unter großen persönlichen Opfern am Wiederaufbau der Demokratie zu beteiligen. Ein herausragendes Beispiel gab hier Kurt Schumacher, ebenfalls ein ehemaliger Dachau-Häftling, der im Nachkriegsdeutschland maßgebend den Kurs der Sozialdemokratie bestimmt hat. Die Bewunderung, die ich diesen Männern
entgegenbrachte, ließ in mir die Idee reifen, die Dachauer Häftlinge, die
in der Politik Zeichen gesetzt haben, in einer Ausstellung zu
porträtieren. Mit dieser Idee wandte ich mich an den damaligen Leiter des
Josef-Effner-Gymnasiums, Oberstudiendirektor Dr. Franz J. Zapp. Ich
wollte, dass sich Schüler in Dachau dieser Arbeit annahmen, um so ihre
Bereitschaft zu bekunden, das Vermächtnis der Häftlinge zu bewahren. Damit
lief ich im Josef-Effner-Gymnasium offene Türen ein. Wer waren nun die politischen Häftlinge
im Konzentrationslager Dachau? Woher kamen sie? Diesen folgten mit Beginn des Zweiten
Weltkrieges Polen, Russen, Holländer, Belgier, Franzosen, Griechen,
Luxemburger - Gefangene aus fast allen Ländern Europas, die von den
Deutschen besetzt wurden. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Lagern nahmen die Politischen in Dachau erheblichen Einfluss auf das Lagergeschehen. Eine große Rolle spielten dabei die Kommunisten - geübt und erfahren in konspirativer Tätigkeit! Der Dachauer Alltag war ein Kampf ums überleben. Wer zum Funktionshäftling aufstieg, hatte die größere Chance, Gewalt und Terror zu überstehen. Im Kampf um die Funktionsposten, die auch Schaltstellen der Macht waren, prallten die politischen Häftlinge, die "Roten" (so genannt nach ihrer roten Häftlingsmarkierung, und die kriminellen Gefangenen, die "Grünen" (so bezeichnet nach dem grünen Winkel an ihrer Kleidung), aufeinander. Nach dem Schock von Mauthausen, wo Hunderte von Dachauer Häftlingen nach der vorübergehenden Räumung ihres Lagers Ende 1939/Anfang 1940 dem grünen Terror zum Opfer fielen, zogen die Politischen die Konsequenzen, als sie nach Dachau zurückkehrten: Nur noch zuverlässigen und solidarischen Mithäftlingen ebneten sie den Weg in leitende Funktionen. Dies war in einem Lager der Politischen leichter durchzusetzen als in einem Lager der Kriminellen - wie in Mauthausen. In Dachau bestimmte die große Zahl der Gleichgesinnten das Klima unter den Gefangenen. Vor allem Häftlinge, die aus der Politik kamen, wurden aktiv, um der SS zu widerstehen. Sie bekleideten - zum Segen ihrer Mitgefangenen - bald wichtige Funktionen im Lager: in der Politischen Abteilung, in der Lagerschreibstube, im Büro des Arbeitseinsatzes, im Krankenrevier, auf den Blocks, in den Arbeitskommandos - ja selbst als Capos in der Strafkompanie (SK). In der SK erinnere ich an Hugo Jakusch,
einen Münchner Kommunisten - seine Frau Ruth wurde später die erste
Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau -, und an Alfred Haag, einen
württembergischen Landtagsabgeordneten, der mit Kurt Schumacher aus dem
Lager Oberer Kuhberg in Ulm nach Dachau kam. Was war für die Mithäftlinge zu tun, um ihnen ein Überleben zu ermöglichen? Zunächst galt es, Wege zu finden, die den
Mitgefangenen die Kraft zum Widerstehen gaben. Fast so wichtig wie das
Brot waren Informationen über das Geschehen außerhalb des Lagers. Denn die
"Parolen", die Lagergerüchte, waren ein Gift, an denen viele zerbrachen,
wenn sich herausstellte, dass sie eine Lüge waren. Wichtig war es, ein genaues Bild von der militärischen Lage zu erhalten, um abschätzen zu können, wann mit der Ankunft der Befreier zu rechnen war. Dies geschah auf folgenden Wegen: Abhören der deutschsprachigen Sendungen von BBC London und .Radio Moskau mit Rundfunkgeräten, die von der SS zur Reparatur in die Sicherheitswerkstätte im Wirtschaftsgebäude des Schutzhaftlagers gebracht wurden. Auch die Brandwache, die, wie der Luxemburger Albert Theis berichtet, nachts im Auftrag der Lagerleitung die Luftlagemeldungen im Rundfunk abzuhören hatte, nutzte diese Tätigkeit, um Nachrichten der sogenannten Feindsender zu empfangen. Schließlich bauten die Häftlinge auch eigene Abhörgeräte, die sie an den verschiedenensten Plätzen, zum Beispiel in der "Plantage", versteckten. Weitere Informationen erhielten sie von Insassen des benachbarten "Straflagers der SS und Polizei", die von der Front kamen und die neue Nachrichten über das Kriegsgeschehen mitbrachten. Am Ende waren die Häftlinge im Lager über die militärische Lage besser informiert als die Lager-SS selbst und die Bewohner der Stadt Dachau. Die Informationen über den Kampf an den
Fronten waren, wie gesagt, für die Gefangenen wichtig, um eine Vorstellung
von der Kriegsdauer zu gewinnen. Sie konnten ihre Pläne darauf besser
abstimmen. Große Verdienste erwarb sich hier die illegale Lagerleitung. Sie unterhielt Kontakte zu fast allen Volksgruppen im Lager. Wichtig war den Mitgliedern der Widerstandsorganisation, ein anderes Bild der Deutschen zu vermitteln, - dies vor allem durch ihre Solidarität mit den ausländischen Mithäftlingen. So begann im Lager, noch während des
NS-Regimes, die erste Völkerverständigung unter den Nationen. Die
Solidarität fragte nicht nach der Herkunft, sondern galt dem Menschen, der
in Not war. Im Kontakt mit den Mitgefangenen
entstanden die ersten politischen Gespräche. Gegner sprachen sich aus. In der Bezeichnung "Einsatz im Geist der Lagerstraße" drückte sich die Geschlossenheit der politischen Häftlinge aus. Aber es blieben politische Gegensätze
auch weiter bestehen. Dies galt vor allem für die Kommunisten und für die
Sozialdemokraten, die auch im KL Dachau den Graben nicht überwanden, der
sie in der Weimarer Republik getrennt hatte. Dafür sorgte schon Kurt
Schumacher, der in der Lagerbücherei als graue Eminenz über die politische
Linie der SPD wachte und der keine Annäherung an die KPD zuließ. Doch das muss betont werden: Was die gemeinsame Hilfstätigkeit anging, da waren sich alle politischen Häftlinge als "Antifaschisten" einig. So trug der Kampf ums Überleben auch für die Nachkriegszeit seine Früchte: Viele ehemalige Häftlinge fanden sich zur gemeinsamen politischen Arbeit zusammen. Ein Beweis dafür ist allein schon das erste Handbuch des Bayerischen Landtags mit den Namen und mit den Lebens laufen aller Abgeordneten. Es liest sich streckenweise wie ein Dachauer Häftlingsverzeichnis. So viele ehemalige "Dachauer" saßen damals im bayerischen Parlament. Es waren also weitgehend die politischen Häftlinge, die nach ihrer Befreiung ans Werk gingen, um nach dem NS-Schreckensregime ein neues, besseres Deutschland aufzubauen. Der Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl von der Bayerischen Volkspartei lernte in der Dachauer Haft den Sozialdemokraten Thomas Wimmer schätzen. Josef Müller, der "Ochsensepp" , und Alois Hundhammer, beide Dachau-Häftlinge, fanden sich in der neugegründeten CSU zusammen. Kurt Schumacher und Heinrich Stöhr
griffen als überzeugte Sozialdemokraten in das politische Geschehen ein. Dass viele Ideale dieser Männer bald im Konflikt der Weltmächte zerrieben wurden, war nicht ihre Schuld. Und dies verbitterte auch viele, die an den "Aufbruch im Geist der Lagerstraße" geglaubt hatten. Selbst nach der Teilung Deutschlands gab es zahlreiche "Dachauer", die bemüht waren, im Kalten Krieg Brücken der Verständigung zu schlagen. Aber das ist ein anderes Thema. Mir ging es heute darum, einmal deutlich zu machen, wieviel an Aufbauarbeit die Dachauer Häftlinge im Nachkriegsdeutschland geleistet haben. Die Stadt Dachau zum Beispiel wäre im Jahre 1945 ohne einen Georg Scherer im Chaos untergegangen! Bevor ich schließe, möchte ich noch kurz der vielen ausländischen Häftlinge gedenken, die nach ihrer Befreiung für Deutschland eingetreten sind. Ich nenne drei von ihnen: Edmond Michelet, der später als Minister
der französischen Regierung unter Charles de Gaulle angehört hat, Und schließlich erwähne ich noch den
Belgier Arthur Haulot, der sich in der Öffentlichkeit voll zu seinen
deutschen Mithäftlingen bekannte, als diese unqualifizierten Angriffen
ausgesetzt waren. In einem Artikel, der im Jahre 1946 in der Süddeutschen
Zeitung erschien, stellte er sich schützend vor seine Kameraden. Aber sie sind nicht vergessen. Das
beweist die Ausstellung, die heute hier eröffnet wird. Mein Dank gilt auch dem ehemaligen Schulleiter Dr. Zapp, der sich meiner Idee mit Begeisterung angenommen und der die Weichen für die Verwirklichung des Vorhabens gestellt hat.
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