„Ich bin tatsächlich schweren
Herzens rausgegangen, weil ich gewusst hab, dass ja eigentlich jetzt
wieder 30.000 Menschen [unter] irgendeine Fuchtel kommen, die wirklich
eine schützende Hand gebraucht haben.“
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| Vor 1933
Georg Scherer wurde 1906 in Pasenbach bei Dachau geboren. Er stammte aus einem Bauernhof. Mit 13 Jahren trat er eine Stelle als Bauernbub auf einem Hof in Breitenau an. Ein regelmäßiger Schulbesuch war nicht möglich, da er durch seine Arbeit zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen musste. Der Sport spielte für Georg Scherer bis zu seinem Lebensende eine große Rolle. Im Alter von 18 Jahren trat er dem „Arbeiter-, Turn- und Sportverein Dachau“ bei. Der Verein war von Arbeitern 1908 gegründet und aufgebaut worden und stand politisch links. Er wurde zu Scherers politischer Heimat. Eine entscheidende Wende erfuhr sein Leben, als er bei der „Deutsche Werke AG“ einen Ausbildungsplatz bekam; damit tauschte er das bäuerliche Leben mit dem Arbeitermilieu. 1925 wechselte er zu den „Bayrischen Motoren- Werken“ (BMW) in die Lerchenauer Straße nach München. Seine politischen Ansichten vertrat er auch am Arbeitsplatz offen. Die Aufforderung des BMW-Betriebsleiters und gleichzeitigen SS-Scharführers zum „Einreihen“ in die NSDAP lehnte er grundsätzlich ab: „Ich habe meine Einstellung nie verborgen. [...] Ich bin nicht zur Partei [= NSDAP] gegangen, habe meine eigene Meinung behalten.“ (Gespräch des Dachauer Forum mit Georg Scherer, Adi Maislinger und Richard Tietze, 28.03.1985, Videoaufzeichnung, Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau). „Wenn ich bei BMW schön brav gewesen wär, dann wär ich Werkmeister geworden oder vielleicht noch ein bisserl mehr [...] aber über eine Überzeugung und über einen Glauben kann man halt nicht drüber weg, außer man wird seinen eigenen Ideen untreu.“ (Videoaufzeichnung)
Im Lager verschaffte ihm seine
Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit sehr bald Respekt und Autorität bei
Mithäftlingen und der Lager-SS. Dem entspricht der Aufstieg Scherers in
der Häftlingshierarchie vom Stuben- zum Blockältesten und schließlich
seit April 1939 zum (im KL Dachau ersten) Lagerältesten. In dieser
hohen Position war er im Lager für Ruhe und Ordnung zuständig. Eine
weitere Aufgabe bestand darin, bei Zwischenfällen der SS Meldung zu
machen. Scherer nutzte seine Möglichkeiten als Lagerältester dazu aus, die Lasten der Häftlinge abzumildern, für Schutz vor kriminellen Häftlingen zu sorgen und für Recht und Gerechtigkeit unter den Häftlingen einzutreten: „Mit solchen Mitteln kann man auch ein Lager so human führen, dass auch ein Häftling eine bestimmte Macht hat. Selbstverständlich hat man eine Menge Block- und Stubenältester hinter sich.“(Videoaufzeichnung) „Kannst du Recht und Unrecht in solchen Situationen [z.B. einen Brotdieb melden] entscheiden oder nicht: Ist doch die Frage im Lager!“ (Videoaufzeichnung) Georg Scherer zeichnete sich in dieser Stellung dadurch aus, dass er seine Position zu Gunsten der Häftlinge vertrat. So rettete er Häftlinge vor dem Abtransport nach Mauthausen; so ließ er den geschwächt von Mauthausen Zurückgekehrten eine Extraration Essen zukommen; so versteckte er junge Polen im Lager und rettete sie so vor einem Todestransport. Dafür bedankten sich noch Jahrzehnte später polnische Mithäftlinge brieflich bei Scherer. „Im KZ-Lager [...] hast du mich vom Transport nach Mauthausen reklamiert. Du hast angegeben, daß ich ein guter Maurer sei, was mich damals vom Tode gerettet hat [...wir] werden nie vergessen, daß du in Dachau zu denen gehörtest, die die Kollegen gerettet haben und Hilfe leisteten“(Brief vom 15.7.1984 an Georg Scherer, Privatarchiv Rudolf Scherer). Nach der Musterung im November 1940 wurde er im Januar 1941 aus dem KZ entlassen. Ein leitender SS-Führer verhinderte, dass er als Frontsoldat eingezogen wurde; er nimmt keinen Anstoß an der Vergangenheit Scherers und stellt ihn im Dachauer Rüstungsbetrieb „Präzifix“, einer Schraubenfabrik, ein. Dieser „Schutzengel“ (Videoaufzeichnung) sorgt auch dafür, dass er trotz Gestellungsbefehl nicht an die Front muss, sondern in Dachau bleiben kann. "Von seiner Entlassung 1941 bis zum Kriegsende ist er untergetaucht [...], denn er wusste, dass er keine Fehler machen durfte“ (Josef Scherer, zit. nach Martina Brandhofer: Facharbeit „Georg Scherer“, Josef-Effner-Gymnasium Dachau, 2001, Anhang 1, S. 3). Als sich das Kriegsende abzeichnete, versuchte Scherer zusammen mit seinem Freund Walter Neff („Wir waren ja bloß ein paar Hansl!“, Videoaufzeichnung) zu verhindern, dass Dachau von den Nationalsozialisten bis zum Letzten gegen die vorrückenden Amerikaner verteidigt würde und die KZ – Häftlinge kurz vor ihrer Befreiung in den Tod getrieben würden. Der Gerngroß-Aufstand in München war dann für die Widerstandsgruppe um Scherer und Neff das Signal zum erfolgreichen, aber nicht unblutigen Dachauer Aufstand am 28.4.1945: Die SS zog sich kampflos aus dem KZ und der Stadt Dachau zurück.
Sein schon während des Dritten Reiches unerschrockenes Auftreten, verbunden mit geschickter Verhandlungsführung, bewährte sich jetzt auch gegenüber der Militärregierung und führte zur Milderung vieler harter Maßnahmen, was den Bürgern eine weitere Verschlechterung ihres Lebens ersparte“ (aus der Ansprache des Dachauer Oberbürgermeisters anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenrings der Stadt Dachau am 10.3.1976). Sein politisches Engagement setzte Georg Scherer als KPD – Stadtrat von Juli 1946 bis April 1952 fort. Schon bald jedoch zog er sich aus der aktiven Politik zurück, wohl enttäuscht darüber, dass in der Politik Geradlinigkeit und Überzeugungskraft der Argumente über die Parteigrenzen hinweg nicht gefragt waren. „Nach seiner Zeit als Bürgermeister hat er mir oft gesagt, dass die Politik ein schmutziges Geschäft ist“ (Josef Scherer, zit. nach Martina Brandhofer: Facharbeit „Georg Scherer“, Josef-Effner-Gymnasium Dachau, 2001, Anhang 1, S. 5). 1946 begann er seine Laufbahn als Unternehmer und baute in Dachau die Kleiderfabrik Bardtke & Scherer auf. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 wurde unter führender Mitarbeit von Scherer der von den Nazis verbotene ATSV als „Allgemeiner Sportverein Dachau“ wiederbegründet. Bis bis zu seinem überraschenden Tod am 8.4.1985 förderte er den Verein auf vielfältige Weise und engagierte sich ganz besonders für den Breitensport. Als Würdigung für seine erbrachten Leistungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen wie den Goldenen Ehrenring der Stadt Dachau und das Bundesverdienstkreuz. Herausragend jedoch ist seine Ehrung als Namensgeber der ASV-Großturnhalle, der Georg-Scherer-Halle. |
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