Heinrich Stöhr

1904-1958

"Der gute Mensch im Dienste seiner Mitmenschen"

Ein Leben im Zeichen politischer und sozialer Verantwortung – nichts könnte treffender den Lebensweg Heinrich Stöhrs beschreiben. Weggefährten wie politische Gegner sind sich in diesem Urteil einig: „Ein Mann, der für seine Aufgabe alles zu opfern bereit war" – „Die Partei war sein Leben, sein Opfer, sein Bekenntnis."

Vor 1933

Heinrich Stöhr, geboren 1904 im mittelfränkischen Weißenburg,  stammte aus einer traditionell sozialdemokratischen Familie. Sein Vater war aktiv in der Arbeiterbewegung tätig. Stöhrs Berufswunsch, Arzt zu werden, ging nicht in Erfüllung, da die Eltern nicht das Geld für eine weiterführende Schule aufbringen konnten.

Schon früh begann er seine politische Karriere, zunächst in der SAJ, der sozialdemokratischen Arbeiterjugend, dann in der SPD (Eintritt 1922). Für seine politische Biographie besonders wichtig wird der Umzug nach Fürth / Nürnberg. In dieser bayerischen SPD-Hochburg setzte er sich aktiv in Gewerkschaft und Partei ein. Hier nutzte er auch die Bildungsmöglichkeiten der Volkshochschule.

NS-Zeit und KZ-Haft

In Fürth erlebte er den tiefen Fall der SPD ( 2. Mai 33 Verbot der Gewerkschaften, 22. Juni 33 Verbot der SPD). Die mittelfränkische Industriestadt wurde jetzt zu einem Zentrum der illegalen nordbayerischen SPD – Organisation. Nach kurzer Zeit übernahm Stöhr die Leitung bei der Verteilung des „Neuen Vorwärts“, der aus der benachbarten Tschechoslowakei eingeschmuggelt und über ein Netz von konspirativ tätigen Sozialdemokraten verteilt wurde.

Im April 1934 wurde er wegen dieser Tätigkeit verhaftet und als einer der Hauptangeklagten zu einer Zuchthausstrafe von 5 ½ Jahren verurteilt. Vor dem Oberlandesgericht in München bekennt er sich offen zu seiner Einstellung: „Ich war Sozialist, bin Sozialist und ich bleibe es.“

Nach Verbüßung der Einzelhaft in den Zuchthäusern Ebrach und Amberg wurde er am 24.5.1940 als Schutzhäftling ins KZ Dachau eingewiesen und dort dem Revier, dem Lagerkrankenhaus, als Krankenpfleger zugeteilt. Der Großteil der Krankenfälle auf dieser Station waren Phlegmonefälle, Fälle eitriger Entzündungen des Zellgewebes.Ab Juni 1942 (bis Frühjahr 1943) wurden auf Befehl Himmlers Versuchsreihen an künstlich mit Phlegmoneeiter infizierten Häftlingen durchgeführt, um biochemische Heilverfahren zu prüfen. Stöhr arbeitete zeitweilig auf der hierzu eingerichteten Versuchsstation in Block 1, Stube 3.

„... Die Leiden der Opfer dieser Versuche übersteigen das Vorstellungsvermögen. [...] Zu [den] seelischen Qualen kamen die körperlichen Leiden. Schon bald nach der Infizierung, oft noch am gleichen Tag, stellte sich hohes Fieber ein. Die Infektionen verursachten in den anschwellenden Gliedmaßen heftige, klopfende oder ziehende Schmerzen, starke Kopfschmerzen und allgemein heftige Gliederschmerzen, die jede Bewegung zur qualvollen Anstrengung machten, Schwäche, Schlaf- und Appetitlosigkeit kamen hinzu. Einzelne Versuchspersonen stöhnten oder schrien. Dieses Krankheitsbild bestand –in wechselnder Intensität- bis zum Tod oder zur Entlassung der Versuchspersonen aus dem Krankenrevier fort.“ (Landgericht München II, 1975)

Es darf wohl als Ironie des Schicksals bezeichnet werden, dass Heinrich Stöhr in der Zeit seiner größten menschlichen Erniedrigung seinem Jugendtraum Arzt zu werden, am nächsten kam. Er nutzte seine Stellung (1941 wurde er Oberpfleger) ohne Rücksicht auf die Gefährdung des eigenen Lebens aus, um das Leben seiner Mithäftlinge zu retten durch pflegerische Hilfe und aktive Solidarität.

  •      Er eignete sich unter schwierigsten Umständen medizinisches Wissen aus Fachbüchern und von inhaftierten Ärzte an.

  •      Er improvisierte unter primitivsten Bedingungen bei medizinischen Eingriffen und bei der pflegerischen Versorgung.

  •      Er führte eigenmächtig und hinter dem Rücken der SS-Ärzte lebensrettende Maßnahmen bei Häftlingen durch, die zu Medikamentenversuchen der SS herangezogen worden waren.

  •      Er manipulierte Krankenberichte, bestach SS-Ärzte, um die Überlebenschancen der Häftlinge zu erhöhen.

  •      Er leistete in aussichtslosen Krankheitsfällen aufopfernde Sterbebegleitung.

„Eine Milderung fand das Schicksal der Betroffenen lediglich durch das menschlich teilnahmsvolle und intensive Bemühen von Pflegern, vor allem des Oberpflegers Heinrich Stöhr“ (Landgericht München II, 1975

Dieses humane Engagement des „Engels von Dachau“ brachte ihm bei den dankbaren Mithäftlingen den liebevollen Beinamen „Heini“ ein.

Nach Angaben der Eltern wurde Heinrich Stöhr kurz vor Kriegsende von einem SS-Arzt aus dem KZ geschmuggelt. Im Dachauer Nebenlager Lindau wurde er im April 1945 von den Franzosen befreit.

Nach 1945

Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt im Juni 1945 knüpfte er dort an, wo er vor 1933 aufgehört hatte: Er engagierte sich im sozialen und politischen Bereich getreu dem Aufruf des SPD-Zentralausschusses vom 15.6.1945, „... mit der alten Hingabe und neuem Mut sofort mit dem Aufbau der Organisation zu beginnen. Vorwärts! An die Arbeit!“

Seine alten Kontakte zur Fürther / Nürnberger SPD führten zu überregionalen Aufgaben in der Westzonen-SPD und in der bayerischen Landes-SPD: 

  •      5./7.10.1945 Teilnehmer an der Wenningsen-Konferenz der Westzonen-SPD

  •      ab 30.6.46 Mitglied der Verfassungsgebenden Landesversammlung in Bayern

  •      1.12.1946 Mitglied des 1. bayerischen Landtags als Kandidat des Stimmkreises Eichstätt / Feuchtwangen / Gunzenhausen / Weißenburg

  •      1950 / 1954 / 1958 jeweilige Wiederwahl in den bayerischen Landtag

Schwerpunkt seiner Landtagsarbeit war die Sozialpolitik als zeitweiliger Vorsitzender des Ausschusses für sozialpolitische Angelegenheiten und als Mitglied des kulturpolitischen und Ausschusses  für Angelegenheiten der Heimatvertriebenen und Kriegsfolgegeschädigten. Diesen Schwerpunkt verfolgte er auch in seiner beruflichen Tätigkeit bei der AOK Weißenburg.

Heinrich Stöhr starb unerwartet am 9.12.1958, kurz nach seiner 4. Wiederwahl in den bayerischen Landtag.

„ ... mir und vielen Hunderten [hat er] nicht nur das Leben gerettet, sondern er hat uns auch durch seine vorbildliche Lebenshaltung, durch seinen unerschütterlichen Glauben an den Menschen –in einer Periode von Erniedrigungen und SS-Grausamkeiten – geholfen an ein Nachher zu denken, an die Zeit, die nach unserer Befreiung kommen würde und in der wir dann zusammen versuchen wollten, unser Ideal ´Glück für alle´ zu verwirklichen" (Nico Rost, Goethe in Dachau).
 
Dafür hat Heinrich Stöhr sich nach der KZ-Zeit mit ganzer Kraft eingesetzt.