Ein Leben im Zeichen politischer und sozialer Verantwortung – nichts könnte treffender den Lebensweg Heinrich Stöhrs beschreiben. Weggefährten wie politische Gegner sind sich in diesem Urteil einig: „Ein Mann, der für seine Aufgabe alles zu opfern bereit war" – „Die Partei war sein Leben, sein Opfer, sein Bekenntnis." Vor 1933 Heinrich
Stöhr, geboren 1904 im mittelfränkischen Weißenburg,
stammte aus einer traditionell sozialdemokratischen Familie. Sein
Vater war aktiv in der Arbeiterbewegung tätig. Stöhrs Berufswunsch, Arzt
zu werden, ging nicht in Erfüllung, da die Eltern nicht das Geld für
eine weiterführende Schule aufbringen konnten. Schon
früh begann er seine politische Karriere, zunächst in der SAJ, der
sozialdemokratischen Arbeiterjugend, dann in der SPD (Eintritt 1922). Für
seine politische Biographie besonders wichtig wird der Umzug nach Fürth /
Nürnberg. In dieser bayerischen SPD-Hochburg setzte er sich aktiv in
Gewerkschaft und Partei ein. Hier nutzte er auch die Bildungsmöglichkeiten
der Volkshochschule. NS-Zeit und KZ-Haft In
Fürth erlebte er den tiefen Fall der SPD ( 2. Mai 33 Verbot der
Gewerkschaften, 22. Juni 33 Verbot der SPD). Die mittelfränkische
Industriestadt wurde jetzt zu einem Zentrum der illegalen nordbayerischen
SPD – Organisation. Nach kurzer Zeit übernahm Stöhr die Leitung bei
der Verteilung des „Neuen Vorwärts“, der aus der benachbarten
Tschechoslowakei eingeschmuggelt und über ein Netz von konspirativ tätigen
Sozialdemokraten verteilt wurde. Im
April 1934 wurde er wegen dieser Tätigkeit verhaftet und als einer der
Hauptangeklagten zu einer Zuchthausstrafe von 5 ½ Jahren verurteilt. Vor
dem Oberlandesgericht in München bekennt er sich offen zu seiner
Einstellung: „Ich war Sozialist, bin Sozialist und ich bleibe es.“ Nach Verbüßung der Einzelhaft in den
Zuchthäusern Ebrach und Amberg wurde er am 24.5.1940 als Schutzhäftling
ins KZ Dachau eingewiesen und dort dem Revier, dem Lagerkrankenhaus, als
Krankenpfleger zugeteilt. Der Großteil der Krankenfälle auf dieser
Station waren Phlegmonefälle, Fälle eitriger Entzündungen des
Zellgewebes.Ab Juni 1942 (bis Frühjahr 1943) wurden auf Befehl Himmlers
Versuchsreihen an künstlich mit Phlegmoneeiter infizierten Häftlingen
durchgeführt, um biochemische Heilverfahren zu prüfen. Stöhr arbeitete
zeitweilig auf der hierzu eingerichteten Versuchsstation in Block 1, Stube
3. „...
Die Leiden der Opfer dieser Versuche übersteigen das Vorstellungsvermögen.
[...] Zu [den] seelischen Qualen kamen die körperlichen Leiden. Schon
bald nach der Infizierung, oft noch am gleichen Tag, stellte sich hohes
Fieber ein. Die Infektionen verursachten in den anschwellenden Gliedmaßen
heftige, klopfende oder ziehende Schmerzen, starke Kopfschmerzen und
allgemein heftige Gliederschmerzen, die jede Bewegung zur qualvollen
Anstrengung machten, Schwäche, Schlaf- und Appetitlosigkeit kamen hinzu.
Einzelne Versuchspersonen stöhnten oder schrien. Dieses Krankheitsbild
bestand –in wechselnder Intensität- bis zum Tod oder zur Entlassung der
Versuchspersonen aus dem Krankenrevier fort.“ (Landgericht München II,
1975) Es
darf wohl als Ironie des Schicksals bezeichnet werden, dass Heinrich Stöhr
in der Zeit seiner größten menschlichen Erniedrigung seinem Jugendtraum
Arzt zu werden, am nächsten kam. Er nutzte seine Stellung (1941 wurde er
Oberpfleger) ohne Rücksicht auf die Gefährdung des eigenen Lebens aus,
um das Leben seiner Mithäftlinge zu retten durch pflegerische Hilfe und
aktive Solidarität.
„Eine
Milderung fand das Schicksal der Betroffenen lediglich durch das
menschlich teilnahmsvolle und intensive Bemühen von Pflegern, vor allem
des Oberpflegers Heinrich Stöhr“ (Landgericht München II, 1975 Dieses
humane Engagement des „Engels von Dachau“ brachte ihm bei den
dankbaren Mithäftlingen den liebevollen Beinamen „Heini“ ein. Nach
Angaben der Eltern wurde Heinrich Stöhr kurz vor Kriegsende von einem
SS-Arzt aus dem KZ geschmuggelt. Im Dachauer Nebenlager Lindau wurde er im
April 1945 von den Franzosen befreit. Nach 1945 Nach
seiner Rückkehr in die Heimatstadt im Juni 1945 knüpfte er dort an, wo
er vor 1933 aufgehört hatte: Er engagierte sich im sozialen und
politischen Bereich getreu dem Aufruf des SPD-Zentralausschusses vom
15.6.1945, „... mit der alten Hingabe und neuem Mut sofort mit dem
Aufbau der Organisation zu beginnen. Vorwärts! An die Arbeit!“ Seine
alten Kontakte zur Fürther / Nürnberger SPD führten zu überregionalen
Aufgaben in der Westzonen-SPD und in der bayerischen Landes-SPD:
Schwerpunkt
seiner Landtagsarbeit war die Sozialpolitik als zeitweiliger Vorsitzender
des Ausschusses für sozialpolitische Angelegenheiten und als Mitglied des
kulturpolitischen und Ausschusses für
Angelegenheiten der Heimatvertriebenen und Kriegsfolgegeschädigten.
Diesen Schwerpunkt verfolgte er auch in seiner beruflichen Tätigkeit bei
der AOK Weißenburg. Heinrich
Stöhr starb unerwartet am 9.12.1958, kurz nach seiner 4. Wiederwahl in
den bayerischen Landtag. „
... mir und vielen Hunderten [hat er] nicht nur das Leben gerettet,
sondern er hat uns auch durch seine vorbildliche Lebenshaltung, durch
seinen unerschütterlichen Glauben an den Menschen –in einer Periode von
Erniedrigungen und SS-Grausamkeiten – geholfen an ein Nachher zu denken,
an die Zeit, die nach unserer Befreiung kommen würde und in der wir dann
zusammen versuchen wollten, unser Ideal ´Glück für alle´ zu
verwirklichen" (Nico Rost, Goethe in Dachau).
|
||||