Malen ohne Pinsel
Schülerinnen des Josef-Effner-Gymnasiums stellen auf einer Vernissage Werke vor, für die sie sich auf der Biennale in Venedig inspirieren ließen. Sie haben nicht nur gute Ideen, sondern auch Humor
Von Bärbel Schäfer, Dachau
Voller Begeisterung berichten die Effner-Gymnasiastinnen Jaqueline und Anna auf ihrer Vernissage über die Arbeitsweise im P-Seminar. Sie erzählen vom schuluntypischen Blockunterricht im Freien mit Tee und Plätzchen, in dem das Gestalten so viel Spaß macht, dass die Teilnehmer gerne über die normalen Unterrichtsstunden hinaus an ihren Bildern malten. Auf einer Seminarreise zur Biennale in Venedig setzten sich die Abiturienten mit internationaler, zeitgenössischer Kunst auseinander. "Die Schüler von heute sind die Kulturträger von morgen, trotz G 8", sagt Kunstpädagoge Oliver Winheim auf der Vernissage im Josef-Effner-Gymnasium Dachau.

Jasmin Stetter nahm sich für ihre schwarz-weiße Sportfotografie ein Vorbild an dem britischen Fotografen John Davis. (Foto: Toni Heigl)

Winheim ist daran gelegen, dass sich seine Schülerinnen und Schüler mit der Wirkung von Farbe im Raum, dem Verhältnis der Farben zueinander und der Loslösung der Farbe vom Gegenstand beschäftigen. Abstrakte, scheinbar emotionslose Farbfeldmalerei, die auf den individuellen Pinselstrich verzichtet. "Malerei ohne Pinsel, oder . . . ?" lautete deshalb der Titel des Kunstseminars der elften und zwölften Jahrgangsstufe. Zusammen mit den Absolventen des W-Seminars "Fotografie - Realitätsaneignung und Inszenierung" präsentierten die jungen Maler ihre Arbeiten in einer gemeinsamen Ausstellung. Im Zusammenspiel der beiden völlig unterschiedlichen Kunstformen - gegenstandslose Farbfeldmalerei und gegenständliche Fotografie - ergab sich ein spannungsvoller Kontrast zwischen großen, in den Raum greifenden und interpretierbaren Bildern und kleineren, stimmungsvollen Fotos. Christina Hagen beschäftigte sich mit dem Action Painting von Jackson Pollock und ließ die Farbe in spontaner Geste in blauen, schwarzen und roten Spuren auf die Leinwand tropfen. Inspiriert vom amerikanischen Farbfeldmaler Ad Reinhardt malte sie ein dunkelgraues Kreuz vor einem fast schwarzen Hintergrund - "ein meditativer Vorgang", erläutert die Schülerin. Das dunkle Grau mischte sie aus vielen Buntfarben, die in ihrer Summe in der changierenden, monochromen Malerei immer noch zu erahnen sind.

Flächig, geometrisch mit harten Kanten und scharf abgegrenzten Farbfeldern sind die Bilder von Kaixin Gritschmeier. Die Schülerin experimentierte in zwei architektonisch aufgebauten Kompositionen aus farbigen Dreiecken, Quadraten und Rechtecken. Die kleinen Farbfelder sind streng voneinander getrennt durch weiße Balken wie die Fenster an modernen Glasfassaden. "Ich habe versucht, den Pinselstrich zu eliminieren", erklärt die Schülerin. Kaixin nahm gleichzeitig am W-Seminar Fotografie teil und schuf eine Fotoreihe im Stil der amerikanischen Fotografin Heidi Lender. Dafür fotografierte sie sich selbst in wechselnden Umgebungen und wechselnder Kleidung. Im Dirndl, ganz in Schwarz, im gelben Minikleid, in weißer Bluse mit Hut oder Regenschirm. Immer steht sie auf einem Stuhl oder Hocker in einer farbig inszenierten, auf die Kleidung abgestimmten Umgebung. Ihr Gesicht ist nie zu sehen. Interieur und Kleidung bilden einen Kontrast oder steigern sich gegenseitig, lassen Assoziationen zu und erzeugen eine gewisse Stimmung, die jedes Mal eine andere Facette der Persönlichkeit der Fotografin hervorkehrt. "Ich habe mich auf ein Farbkonzept konzentriert", erläutert die Schülerin.

Julia Franke fotografierte Alltagsszenen in Berlin und beweist ein sicheres Auge für Humor. Zehn Schnappschüsse zeigen skurrile Begegnungen, wie beispielsweise einen übergewichtigen Passanten, der am Werbeschild eines Imbisses "Genuss pur" vorbeiläuft, einen parkenden roten Ferrari, auf den ein in Rot gekleidetes Paar zugeht oder Touristen am Brunnenrand, die durch den Bogen der Wasserfontäne optisch verbunden sind. Weg vom Schnappschuss hin zur Analyse geht es in Gudrun Schartels schwarz-weißen Architekturaufnahmen. Die Münchner Glyptothek stellt sie als scharfkonturierte griechische Tempelfront unter einem fast schwarzen Himmel dar. "Die Architektur ist ungewöhnlich und erzählt eine eigene Geschichte. Ich wollte eine geheimnisvolle und mysteriöse Stimmung erzeugen", sagt die Schülerin. Mit dem abgedunkelten Himmel knüpft sie an die Langzeitbelichtungen des niederländischen Fotografen Joel Tjintjelaar an.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 18.01.2016