Bewegend
Gudrun Forstner an der Kaps-Orgel in Mariä Himmelfahrt
Von Dorothea Friedrich, Dachau
Für Organisten muss es ein pures Vergnügen sein, auf der neuen, wunderbaren Kaps-Orgel in Mariä Himmelfahrt zu spielen. Für Zuhörer ist es dagegen immer wieder erstaunlich, wie ein - aus Kirchenschiffperspektive - kleiner Mensch ein so gewaltiges Instrument beherrschen kann. Einblick in das - moderne Orgelbau-Technik hin oder her - auch körperlich anstrengende Orgelspiel gab es am Samstagabend. Das Josef Effner Gymnasium hatte seine wissenschaftliche Vortragsreihe gewissermaßen outgesourct und für die letzte Veranstaltung des Schuljahres die Mariä-Himmelfahrt-Kirche gewählt. Das hatte seinen besonderen Grund.

Denn Gudrun Forstner unterrichtet Musik am Gymnasium, ist aber auch eine ausgebildete und sehr gefragte Kirchenmusikerin. Der Außentermin mündete aber in keine gymnasial trockene Erklärung von Manualen und Pedalen, Registern und Orgelpfeifen, sondern in eine, in jeder Hinsicht faszinierende Stunde geistlicher Musik. In der steigerte sich eine hervorragende Organistin auf einem Meisterwerk der Orgelbaukunst zur Höchstform, was leider nur wenige Schüler sehen und hören wollten. Die Kaps-Orgel in Mariä Himmelfahrt ist erst im Oktober vergangenen Jahres eingeweiht worden und wird in einer Konzertreihe gefeiert.

Anfangs wirkte die im Altarraum aufgebaute Leinwand ein wenig irritierend, auf der sich Forstner per Beamer buchstäblich auf die Finger sehen ließ. Aber letztlich erlebten die Zuhörer jenseits aller Töne, wie Musikerin und Instrument zur Einheit verschmolzen. Zärtlich, kräftig, verhalten, empathisch glitten die Hände über die drei Manuale, der ganze Körper spielte mit, wenn es galt, das Pedal sanft oder wuchtig zu bedienen.

Nun bedarf die Musik von Dietrich Buxtehude, Johann Sebastian Bach, Placidus Metsch, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszt eigentlich keiner Visualisierung. Sie ist Gotteslob pur. Es wäre allerdings ein echter Verlust gewesen, das Kino für die Ohren im Gotteshaus nicht erleben zu dürfen. Das machte die filmische Übertragung von Forstners Orgelspiel von der Empore in den Kirchenraum möglich, Doch vor allem Forstner selbst hatte ihren gehörigen Anteil daran. Wie zum Beispiel bei Bachs "Kommst du nun, Jesus vom Himmel herunter" aus seinen Schübler-Chorälen. Bei dieser Bearbeitung von "Lobe den Herrn", die Bach auch in einer gleichnamigen Kantate verwendet hat, warf der eine oder anderen Zuhörer einen verstohlenen Blick auf das gedruckte Gotteslob , das Gebets- und Gesangbuch der Kirche. Warum? Weil Forstner von der leicht zittrigen Stimme einer alten Frau bis zum jubilierenden "Heilig, Herr Gott Zebaoth" vor dem inneren Auge eine ganze Kirchengemeinde diese Lobpreisung singen ließ - und man doch so gerne mitgesungen hätte, wenn man denn textsicher gewesen wäre.

Es folgte der vielleicht schönste Bach-Choral: "Jesus bleibet meine Freude" aus seiner Kantate "Herz und Mund und That und Leben". Eine wahre Freude! Das gilt auch für die drei Stücke des bayerischen Benediktinermönchs Placidus Metsch (1700 bis 1778). Lebensfrohe, fromme Heiterkeit und Gelassenheit strahlte Forstners Spiel aus. Eine Art Ouvertüre für die ganz große (Kirchen-)Oper, nämlich Mendelssohn Bartholdys Sonate d-moll über den Choral "Vater unser im Himmelreich". Schicksalsergebenheit, Verzweiflung, Hoffnung ließ Forstner von der Orgelempore aus das Kircheninnere füllen. Die mächtige Fuge ging durch Mark und Bein, schien fast die Mauern zu sprengen. Wie eine Erlösung aus tiefer Not spielte Forstner das abschließende Andante.

Die beinahe ebenso gewaltig Orgel-brausende Verbeugung vor Johann Sebastian Bach, nämlich "Präludium und Fuge über das Thema B-A-C-H" von Franz Liszt war ein weiterer Höhepunkt, aber noch nicht der Schlusspunkt eines Konzertabends, für den einschließlich der Zugaben gilt: teuflisch gut und himmlisch gespielt.. In der von Kirchenmusiker Rainer Dietz organisierten Reihe findet am Samstag, 25. Juni, ein "Nachtkonzert bei Kerzenschein" mit dem Organisten von Sankt Jakob, Christian Baumgartner, und dem Dachauer Kammerchor statt. Beginn ist um 21 Uhr.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 25.04.2016