Harry Potters Brille und der Stiefelthron
Die Schüler der 12. Jahrgangsstufe des Josef-Effner-Gymnasiums beweisen bei den Arbeiten für ihre Kunstseminare jede Menge Kreativität, Fantasie und Witz. Ihre Ausstellung stößt nicht nur bei Eltern und Lehrern auf Interesse
Von Sophia Dittmann
Dachau - Fantasievolle Drachen, Skizzen schnittiger Fahrzeuge, romantische Brautmodencollagen und bunt bemalte Brillen zum Anfassen und Aufsetzen. Einen ganzen Abend lang nutzten Eltern, Verwandte, Lehrer und zahlreiche Neugierige die Gelegenheit, die gesammelten Kunstwerke der Q12-Schüler im Parkettbereich des Josef-Effner-Gymnasiums zu bewundern. Gemeinsam mit den Absolventen des W-Seminars "About Art" und des P-Seminars "Fahrzeug-Design" präsentierten die jungen Künstler ihre Arbeiten in einer Ausstellung zusammen mit den Schülern des Kunst-Additum-Kurses von Lehrer Oliver Winheim. Im Zusammenspiel völlig unterschiedlicher Kunstformen - Malerei und Objektkunst - schafften die Schüler einen spannungsvollen Kontrast zwischen großen, in den Raum greifenden Kunstobjekten und Gemälden, kleineren Collagen, Zeichnungen, Comics und sogar 13 eigens produzierten Trickfilmen.

"Ich entdecke eine Vielzahl an versteckten Talenten bei der Arbeit mit meinen Schülern", erzählt Kunstpädagoge Gerhard Amelang. Er kennt viele seiner Schüler bereits seit der Unterstufe. "Es ist schön, die künstlerischen Entwicklungen der Kinder hin zu jungen Erwachsenen mitzuerleben", berichtet er und spricht dabei von einem begeisterten Comic-Zeichner und einer modebewussten Schülerin mit einem Faible für Stoffe. Die jährliche Kunst-Vernissage des Dachauer Gymnasiums ist der große Abschluss der endenden P-Seminar- und W-Seminar Kurse, bevor die Schüler in der kommenden Woche die Noten für ihre kreativen Arbeiten erhalten.

Einer Fotografie zum verwechseln ähnlich, ist die Bleistiftzeichnung von Laura Wolfseder. Als Vorlage für die realistische Zeichnung in Schwarz-weiß nahm sich die Kunstabiturientin ein überlebensgroßes Portrait, geschossen und gezeichnet von dem US- amerikanischen Maler und Fotorealisten Chuck Close. "Insgesamt habe ich dafür ungefähr 40 Stunden gebraucht", erzählt die Schülerin von ihrem Portrait des obdachlosen Mannes "Kenneth". Sie zeigte bei der Anfertigung vollen Körpereinsatz: "Um das große Bild zu zeichnen, musste ich mich teilweise zu Hause auf den Boden und den Tisch legen." In unterschiedlichen Grautönen kopierte sie, nur mit Hilfe von weißen Gelstiften und unterschiedlich stark pigmentierten Bleistiften, die Zeichnung des Amerikaners in mehrfacher Lebensgröße auf Papier.

Die Schüler haben nicht nur gute Ideen, sondern beweisen auch Humor, so wie Jasmina Weber mit ihren bunt bemalten Brillen. Die Augenpaare berühmter Personen zieren die Gläser sieben verschiedener Brillengestelle. Mit Hilfe von Acrylfarben zeichnete die 17-jährige Künstlerin detailgetreu die bekannte Augenpartie von Hollywood-Schauspielerin Audrey Hepburn, die dunkelbraunen Augen des Noch-US-Präsidenten Barack Obama oder die eisblauen Augen von J. K. Rowlings Zauberlehrling Harry Potter auf die Brillengläser. Die junge Künstlerin selbst möchte mit ihrem Werk "Die Welt durch andere Augen sehen" ausdrücken, dass man seine Umgebung nicht etwa durch fremde, sondern nur durch seine eigenen Augäpfel sehen kann. Denn, auch wenn man sich eine Brille mit fremden Augenpaaren auf die Nase setzt, konnten alle Besucher feststellen, dass man durch die Schichten der Acrylfarbe nicht hindurch blickt.

Eine besonders große Schar von Betrachtern tummelte sich vor der auffälligen Montage "Game of Women" von Julia Höllwart - einem schwarzen Thron, bestehend aus mehr als 100 Schuhen. "Ich wollte einen eindrucksvollen Thron für Frauen nach dem Vorbild der Serie "Game of Thrones" gestalten", sagt die junge Künstlerin. Demzufolge hat sie sich auf die Suche nach einem Objekt begeben, welches Frauen repräsentieren könnte.

"Schuhe sind eindeutig Frauensache, davon können Frauen bekanntlich nie genug haben", war sich die Schülerin sicher und beschloss daraufhin mehr als 50 Paar alte Schuhe für ihr Kunstprojekt mit schwarzer Farbe zu besprühen und auf einem Holzstuhl zu drapieren. "Die Schuhe habe ich von Zuhause. Viele Paare hatte meine Mutter aussortiert."

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 12.01.2017