Wort und Lied in reizender Liaison
Zuerst rezitieren Schüler des Effner-Gymnasiums Gedichte von Georg Friedrich Daumer, hauchen ihnen neues Leben ein und führen so zum folgenden Konzert mit den daraus entstandenen Liebeslieder-Walzern von Johannes Brahms
Von Dorothea Friedrich, Dachau
Gedichte zu rezitieren, ist eine Kunst. Das wissen Jeevan, Niklas, Emely, Max, Amelie, Leonie und Julia inzwischen nur zu gut. Die Schülergruppe hatte eine schwere Aufgabe zu meistern. Sie fungierte quasi als "lebende Übertitel" beim Konzert im Josef-Effner-Gymnasium (JEG) in Dachau. Auf dem Programm standen Johannes Brahms' Liebeslieder-Walzer op.52 und op.65. Die gute Idee, ihre Schüler einzubinden, hatte Musiklehrerin und Pianistin Gudrun Forstner, die nach dem erfolgreichen Liederabend im vergangenen Jahr nun einen weiteren im Rahmen der JEG-Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt hatte. Zum musikalischen Teil später mehr.

Ihre Schüler setzten den Gedanken mit Bravour um, nicht nur Profis ans Werk zu lassen. Sie hauchten mit ihrem unverkrampften Auftritt den für heutige Ohren partiell unsäglichen Gedichten von Georg Friedrich Daumer (1800 - 1875) neues Leben ein und boten eine schöne Hinführung zu den entsprechenden Liedern. So ließ sich die Wirkung von gesprochenem und gesungenem Wort gut vergleichen. Daumer war nämlich zu seiner Zeit wegen seiner Übersetzungen und Adaptionen persischer Lyrik sowie als Religionswissenschaftler ziemlich berühmt. Vor dem Vergessen seiner fürs 21. Jahrhundert doch recht pathetisch-schwülstigen Texte hat ihn Brahms (1833-1897) mit seinen beiden Liederzyklen bewahrt. Das Projekt sei ziemlich schwierig gewesen, sagte Amelie der SZ. Das ist absolut nachvollziehbar, wenn man Daumer mit moderner Lyrik oder dem oft überragenden Poetry Slam vergleicht. Im 21. Jahrhundert sind beispielsweise die folgenden Zeilen eher schwer verständlich: "Wie des Abends schöne Röte möcht' ich arme Dirne glüh'n, einem zu gefallen, sonder Ende Wonne sprüh'n." Für Julia war es dennoch "eine gute Erfahrung, sie vorzutragen". Bis ihr Auftritt bühnenreif gewesen sei, seien etliche Proben notwendig gewesen, sagte Jeevan. "Da kommt es auch sehr auf die richtige Betonung an", sagte er. Einig waren sich die jungen Leute, dass die Annäherung an klassische Musik neue Wege gehen solle: "Man könnte doch die Lieder mit modernen Instrumenten covern", meinte Julia.

Gudrun Forstner und Jürgen Borchers am Flügel, Sopranistin Regina Klepper, Altistin Christel Borchers, Tenor Anton Rosner Bariton Gottfried Rühlemann sowie Sprecher Klaus Möller bevorzugten dagegen die traditionelle Aufführungspraxis. Brahms hat die Liebeslieder ursprünglich für vier Gesangssolisten geschrieben. Erst nach einem handfesten Krach mit seinem Verleger entstanden Chor- und Klavierfassungen. Dass das Sänger- und Pianistensextett beim JEG-Liederabend schon seit vielen Jahren zusammen musiziert, trug viel zu einem gelungenen Konzertabend bei. Das gilt auch für den Flügel. Der Steinway ist nicht wie manche Zuhörer vermuteten Schuleigentum, sondern war eigens ausgeliehen. Die Profis schafften es locker, ihre Begeisterung aufs Publikum zu übertragen. Dank ihrer großen Erfahrung ließen sie Brahms mitreißende Musik funkeln wie kostbare Juwelen. Sie setzten um, was der selbstbewusste Komponist zu den Liebeslieder-Walzern angemerkt hat: "Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen."

Was aber fasziniert bis heute an den Liebeslieder-Walzern? Es sind die beschwingten Rhythmen und Melodien, die sehnsuchtsvollen, schwärmerischen, heiter-ironischen Töne, die Sänger und Pianisten so gekonnt ihrem Publikum nahebrachten - musikalisches Augenzwinkern inklusive, wenn sie beispielsweise die Brahms-Version der Klatschbasen besangen: "Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten; alles wissen sie so giftig auszudeuten. Bin ich heiter, hegen soll ich lose Triebe, bin ich still, so heissts ich wäre irr aus Liebe." Ein Thema, das möglicherweise auch bei der Uraufführung der Liebeslieder-Walzer eine Rolle gespielt hat.

Denn ausgerechnet Clara Schumann, die Witwe von Robert Schumann, spielte mit dem Komponisten zusammen den Klavierpart. Ob die zwei je mehr verband als Zuneigung, ist schließlich bis heute Gegenstand von Spekulationen. Clara Schumanns Tagebucheintrag jedenfalls lässt sich eins zu eins auf das Konzert im JEG übertragen: "Die Liebeslieder gingen reizend und gefielen sehr".

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 29.01.2017