"Europa ist in Gefahr"
Die Philosophin Ágnes Heller besucht die KZ-Gedenkstätte, diskutiert mit Schülern über Freiheit und den Sinn von Tragödien. Vor 160 Erwachsenen spricht sie im Karmel-Kloster über die zerstörerische Kraft von Vorurteilen und nationalistischen Bewegungen
Von Helmut Zeller, Dachau
Vielleicht hat der Hegelsche Weltgeist seine Hände bei dieser Begegnung in der KVD-Galerie im Spiel - na ja, eher nicht. Ágnes Hellers Blick besagt bei aller Milde, man sollte doch besser über Dinge schweigen, von denen man keine Ahnung hat. Sie selbst hält sich eisern an diese Regel, was jedoch keine so große Leistung ist, weil die 88-jährige Philosophin aus Budapest ein profundes Wissen von so ziemlich allem hat. Aber Leo Tolstoi spielt wirklich eine Rolle bei diesem zufälligen Zusammentreffen der Philosophin und der Künstlerin, der 45-jährigen Ruth Strähhuber. Sie hat nach dem "Leinwandmesser" einen Videofilm gedreht, und die Erwähnung dieser Erzählung zaubert ein Leuchten auf Ágnes Hellers Gesicht. Schon als kleines Mädchen, mit acht, neun Jahren, hat sie Tolstoi verschlungen. Der "Leinwandmesser" beschreibt durch die Augen eines Pferdes den moralischen Zerfall einer Gesellschaft - und darüber hat Ágnes Heller viel nachgedacht in ihrem philosophischen Leben.

"Das ist auf jeden Fall not to be"

Ruth Strähhuber baut in der Kulturschranne gerade ihre Ausstellung "to be or not to be" auf, als Ágnes Heller hereinspaziert, und die Künstlerin fragt, warum sie gerade auf diesen Titel gekommen ist. "Ja, das ist etwas abgeflacht", sagt Strähhuber verlegen. Drei, vier Bilder hängen schon an den Wänden, auf dem Boden liegen Plastikbahnen und ein Schlagbohrer. "Das ist auf jeden Fall not to be", meint Ágnes Heller. Das Bild zeigt eine Frau, nackt, sterbend, der Welt den Rücken zugewandt. Das Gegenbild wäre ein Portrait der Denkerin: ein Gesicht, in dem sich intellektuelle Unruhe abzeichnet, Lebensfreude und Humor, Neugierde - immer der Welt zugewandt. "Das war jetzt schön. Sie ist begabt", sagt Ágnes Heller danach. Die Künstlerin wird am Abend Hellers Namen googeln und erst dann richtig begreifen, wer ihr und ihrer Kunst so viel freundliches Interesse geschenkt hat - die bedeutendste Philosophin der Gegenwart.

Ihr Verstand, noch schärfer als Ockhams Rasiermesser

Ach was. "Philosophen sind nicht eitel, konkurrieren nicht", sagt sie und setzt mit einem spitzbübischen Grinsen hinzu, "weil ohnehin jeder glaubt, nur er habe Recht". Dabei ist die Nachfolgerin von Hannah Arendt auf dem Philosophie-Lehrstuhl in New York jemand, der gerne dazulernt, sich auch überzeugen lässt, nur muss dann ihr Gegenüber schon zu Gedanken fähig sein, die ihrem Verstand, der noch schärfer als Ockhams Rasiermesser ist, standhalten. Da hat Dachau nicht so viel zu bieten. Ágnes Heller sucht in Dachau keinen philosophischen Disput. Sie freut sich schon beim Frühstück darauf, dass sie gleich mit Schülern im Effner-Gymnasium sprechen wird. "Mir fehlen die Studenten", sagt sie. Seit zwei Jahren hält sie keine Vorlesungen mehr.

"Wunderbare Kinder"

21 Stühle sind im Kreis angeordnet, und Ágnes Heller ist enttäuscht. Das sollen alle sein? Die Lehrerin erklärt, dass eine Auswahl getroffen wurde, quasi besonders helle Schülerinnen und Schüler, 16-Jährige der 10. und 11. Jahrgangsstufe. Und wo sind die 13-Jährigen, fragt Ágnes Heller. Also die wären wohl kaum in der Lage..., die Philosophin unterbricht. "Ich war einmal beleidigt, so beleidigt, weil mich ein Professor in Budapest als 13-Jährige nicht in ein Seminar lassen wollte." Die charmante Zurechtweisung führt schon gleich in ihr Thema hinein, sie soll über Vorurteile sprechen. Bevor sie beginnt, geht sie auf einen Schüler mit schwarzer Brille und coolen Sneakers zu und fragt ihn: "Interessierst Du dich für Philosophie?". Das tut er. Für asiatische Philosophien. "Warum?" Weil er verstehen wolle, wie die Menschen dort denken und fühlen. "Verstehst Du dich selbst?" Und unversehens hat sie diesen aufgeweckten Jungen in ein philosophisches Gespräch gezogen. Eineinhalb Stunden dauert es, die Kinder fragen, sie erklärt und fragt zurück. Danach sagt sie: "Wunderbare Kinder." Schuldirektor Kurt Stecher strahlt über das ganze Gesicht.

"Sie haben interessantere Fragen gestellt, als die Erwachsenen gestern Abend." Das hat sie schon gewusst. Denn Kinder sind wie Philosophen, sie stellen die grundlegenden Fragen, warum ist das so und nicht anders, warum existiert etwas und warum nicht. Nur Erwachsene begnügen sich mit Antworten aus der Konserve, unreflektierten Vorurteilen, die unter gewissen Umständen sehr viel Leid über Menschen gebracht haben und noch heute bringen. Den Schülern hat sie noch eine Anekdote erzählt: Auf einer Party in New York wurde Michel Foucault von einem Studenten gefragt, sind sie Strukturalist oder Poststrukturalist? Der französische Philosoph beugte sich zu dem eifrigen Studenten: "Ich bin Michel Foucault!" Michel Foucault, seufzt die Lehrerin. Ja, sagt Ágnes Heller, einmal habe er für sie und andere Freunde gekocht, er trug eine kleine Schürze. Die Lehrerin seufzt noch tiefer. Aber ein Mittagessen mit Ágnes Heller ist auch nicht zu verachten. Zumal sie jeden Menschen ernst nimmt.

"Wir hassen leider immer noch einander"

"Wir hassen leider immer noch einander" Mehr als 160 Besucher sind am Donnerstagabend in den Meditationsraum des Karmel-Klosters an der KZ-Gedenkstätte gekommen. "In elf, zwölf Jahren waren noch nie so viele Besucher hier", sagt der evangelische Pfarrer Björn Mensing, der zusammen mit der Katholischen Seelsorge und den Karmelitinnen Ágnes Heller eingeladen hat. Die Stühle reichen nicht aus, viele sind aus Freising und München nach Dachau gereist, um sie zu hören. Sie zählt zu den schärfsten Kritikern der rechtskonservativen Regierung Viktor Orbáns in ihrer Heimat. Sein Name fällt nicht, aber im Grunde spricht sie über ihn und andere Rechtspopulisten in Europa, als sie in ihrem 20-Minuten-Vortrag die Geschichte der Vorurteile von der Antike bis heute ausbreitet. Die "gefährlichsten Vorurteile", die nationalistischen, sind im Sündenfall Europas, dem Ersten Weltkrieg, entstanden und erblühen heute wieder. "Wir hassen leider immer noch einander", sagt sie, "Europa ist in Gefahr". Der Rechtsruck in Ungarn, Polen, in der Ukraine, in Frankreich, Holland und Deutschland - daran könnte die EU zerbrechen. Verkommt die Sprache, dann verkommt das Denken und verderben die Sitten. "Trump spricht die Sprache der Kneipe", sagt sie. Sein Vize Mike Pence wird einen Tag nach ihrer Abreise die KZ-Gedenkstätte aufsuchen - mit einem von der US-Botschaft organisierten Großaufgebot an amerikanischen Medien.

Ágnes Heller hat die zerstörerische Macht der Vorurteile über "die Anderen, die Fremden" am eigenen Leib erfahren müssen. Sie war 15, als die antisemitischen Pfeilkreuzler sie und andere Juden im Winter 1944/45 aus dem Ghetto ans Ufer der Donau trieben. Tausende wurden unter dem Pfeilkreuzler-Regime in den Fluss geschossen. Sie hatte nur einen Gedanken: Wann soll ich springen? Doch bevor es dazu kam, brachen die Pfeilkreuzler plötzlich die Erschießungsaktion ab. Ágnes Heller sagt: "Damals, am Ufer der Donau, wurde meine Angst getötet." Mehr als 430 000 ungarische Juden waren schon im Sommer unter tatkräftiger Hilfe ungarischer Gendarmen und Behörden nach Auschwitz deportiert worden.

Meisterschülerin des ungarischen Philosophen Georg Lukács

Angst hatte sie auch später nicht, als die kommunistische Partei die widerspenstige und unabhängig denkende Genossin ausschloss, weil sie in der Ungarn-Revolution von 1956 auf der Seite der Aufständischen gegen das stalinistische Regime stand. Auch danach wurde sie verfolgt, bespitzelt und erhielt Berufsverbot, nachdem sie als führender Kopf der Budapester Schule versuchte, das Sowjetsystem zu reformieren, um sich dann komplett davon abzuwenden. "Sogar Freunde drehten den Kopf weg, wenn sie mich auf der Straße trafen", sagt sie. In den 1970er Jahre emigriert sie nach Australien, wo sie in Melbourne eine Professur für Soziologie übernimmt.

Die Meisterschülerin des ungarischen Philosophen Georg Lukács war immer eine Außenseiterin - und genau das will sie auch sein. "Wenn man nie unten war, kommt man nie rauf." Wer nie Leid, Konflikte oder Tragödien erfuhr, kann die Menschen und das Leben nicht verstehen, hat sie den Effner-Schülern erklärt. Ein kluger Kopf stellt die Frage, ob sie damit etwa sagen wolle, dass eine Kindheit ohne Sorgen und in Freiheit negativ sei? Ágnes Heller lacht. Das ist nach ihrem Geschmack. Die Antwort wird er selbst finden. Sie spricht von der Philosophie, dass heutige Philosophen keine eigenen Gedanken mehr entwickeln - wie das ein Michel Foucault tat, der als Homosexueller diskriminiert war, oder ihr auch schon verstorbener Freund Jacques Derrida, der als jüdisches Kind in Vichy-Frankreich und in Algerien gedemütigt wurde. Den liebt sie. Jacques Derrida, der sich über alle erhob und ihre Texte zerlegte, das ihnen innewohnende Herrschaftsdenken aufdeckte, und dann auf dem Stuhl neben ihr saß, ein kleiner, verwundbarer, sensibler Junge.

Außerdem hatte Ágnes Heller, wie sie sagt, keine unglückliche Kindheit. Natürlich war sie als Jüdin diskriminiert. "Aber ich lebte in meinen Büchern. Wir waren arm, aber mein Vater pflegte zu sagen, uns geht es gut." Überhaupt ihr Vater, ein Freigeist, der von sich sagte: "Ich bin ein Mensch der Aufklärung." Von ihm hat sie den rebellischen Geist gegen jede Form der Unterdrückung - und von ihm hat sie das erste Mal, damals war sie acht, den Namen Dachau gehört. "Und 80 Jahre danach bin ich hier", sagt sie im Karmel-Kloster. "Das Leben ist ein Abenteuer."

Ihr Vater half jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland; darunter war auch ein Jacob Brunner, der aus dem Konzentrationslager entlassen worden oder vielleicht auch geflüchtet war. Er lebte eine Zeitlang bei der Familie Heller, bis der Vater ihm die Ausreise nach Brasilien ermöglichte. Ágnes Hellers Vater überlebte nicht. Er wurde in Auschwitz ermordet. Auch die meisten ihrer Freunde und die erste Liebe ihres Lebens. Zum Abschied schenkt Schwester Johanna ihr eine Kerze aus der Werkstatt des Klosters. Sie trägt die Aufschrift "Shalom". Das Geschenk freut Ágnes Heller so sehr, dass sie noch anderntags davon sprechen wird.

Pfarrer Björn Mensing führte sie durch die KZ-Gedenkstätte - und es mag ihn gefreut haben, dass Ágnes Heller das Nebeneinander von katholischer, evangelischer und russisch-orthodoxer Kirche und dem jüdischen Mahnmal gefiel. Denn immer wieder wird Kritik an der christlichen Überformung des Gedenkorts wach. Eines missfiel ihr: Am Internationalen Mahnmal sei die Rede von politischen Gefangenen, was aber sei mit den anderen, den Juden, Roma und Sinti, den Kriegsgefangenen, den Homosexuellen und vielen anderen Gruppen, die dem Naziterror zum Opfer fielen?

"Zwischen 80 und 100 altert man nicht mehr"

Es ist Freitagnachmittag, 18 Uhr, über Dachau hängen graue Wolken und in der Altstadt ist absolut nichts los. Aber Ágnes Heller schwärmt von der Renaissancedecke im großen Saal des Wittelsbacher Schlosses, auf die sie vorhin einen Blick werfen konnte. Jetzt geht sie durch die Altstadt, schaut jedes historische Haus an und guckt in den Hinterhof des Cafés Zauner. Lange blickt sie hoch zur Veranda des Kochwirts, auf der Ernst Toller am 16. April 1919 während der Münchner Räterepublik zu den Dachauer Arbeitern sprach. Im Schaufenster der Buchhandlung Wittmann entdeckt sie mit einem entzückten Ausruf den neuen Robert Harris, "Konklave". "Den muss ich mir kaufen, aber vielleicht doch lieber im Original." Wittmann hat ohnehin schon zu. Zuhause in Budapest hört sie am Abend klassische Musik oder liest Krimis und Thrillerromane, um sich von täglich acht Stunden Denken und Schreiben zu entspannen. Wenn sie zu Hause ist.

Von Dachau fährt sie nach Wien, nimmt den Paul-Watzlawick-Preis für ihr Lebenswerk entgegen. Die Ärztekammer zeichnet damit "ihren Einsatz für Freiheit und Selbstbestimmtheit des Lebens" aus. Bis Juni folgen Mailand, Neapel, zweimal Rom, Köln, Frankfurt, Berlin, Maastricht und dann New York. Dazwischen demonstriert sie in Budapest gegen die Rechtspopulisten. "Zwischen 80 und 100 altert man nicht mehr", sagt Ágnes Heller. Das Dumme sei nur, dass man in diesem Zeitraum sterbe. Danach aber sieht es bei ihr nun wirklich überhaupt nicht aus.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 19.02.2017