Ende einer Ära
Kurt Stecher hat das Josef-Effner-Gymnasium in Dachau 17 Jahre lang geleitet und verabschiedet sich zum von ihm persönlich bestimmten Zeitpunkt
Von Gregor Schiegl, Dachau
Vielleicht war es Zufall, dass Kurt Stecher, Direktor des Josef-Effner-Gymnasiums (JEG), auf die Einladungskarten zu seiner offiziellen Verabschiedung ein Bild der Mondlandung drucken ließ. Wahrscheinlich aber eher nicht. Am 21. Juli jährt sich die Mondlandung der Apollo 11 mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin, und es ist kein Geheimnis, dass Kurt Stecher ein Fan der Luft- und Raumfahrt ist. In der wissenschaftlichen Vortragsreihe am JEG hat er immer wieder fachkundig über Themen wie "Gefahren aus dem Weltall" berichtet. Man sieht: Stecher ist ein Mann mit einem weiten Horizont. Er ist aber offenbar auch ein Mensch, der erkannt, dass das persönliche Glück auch darin bestehen kann, selbst eine Grenze zu ziehen.

Regulär stünde Kurt Stechers Pensionierung erst 2019 an, er hat sich freistellen lassen, nach 17 Jahren an der Spitze des JEG. Das bedarf einer Erklärung, und Stecher weiß das. "Ich wollte den Zeitpunkt meines Ausscheidens immer selbst bestimmen", sagt er. Und obwohl er seinen Job immer wieder als "anstrengend, aber auch sehr beglückend" empfand, wollte er rechtzeitig aufhören. "Bevor die Mehrheit fragt: Wann hört er denn endlich auf?"

Zum 1. August übernimmt Pater Mareis die Schulleitung, und das Effner-Gymnasium hat eine Situation wie der Vatikan mit seinen zwei Päpsten: einen aktiven und einen inaktiven, wobei Stecher nun in die Rolle des Benedikt schlüpft. Mit einem entscheidenden Vorteil: "Ich darf bei meiner Familie leben." Jetzt hat er Zeit für Reisen nach Lanzarote, für Lesen, insbesondere für "Gravitation", einen mehr als 1000 Seiten starken Wälzer über die Allgemeine Relativitätstheorie. Das überrascht nicht bei einem Mathe- und Physiklehrer, der nicht nur ein exzellenter Student gewesen sein soll ("ein Überflieger"), sondern die Liebe zu seinem Fach auch bei seiner Abschiedsvorstellung mit Formeln und Graphen auf der Krawatte zum Ausdruck bringt.

Es ist ein feierlicher Abschied mit viel Musik, es spielen die schuleigene Bigband und das Jazz-Salonorchester. Der Oberstufenchor singt einen Kanon über den Besuch auf dem Mars, nur so als Reiseanregung. Und von den Schülern bekommt der 62-Jährige eine Fahne mit weiß-blauen Rauten und dem Emblem des Effner-Gymnasiums. Es geht das Gerücht um, dass Stecher noch Großes vorhabe und nach der Zweigstelle an der Steinstraße auch noch eine Dependance auf dem Mond gründen woll. Das alles hat damit zu tun, dass sich die meisten ein JEG ohne Doktor Kurt Stecher gar nicht vorstellen können. Stecher war länger im Amt als Helmut Kohl. "Eine kleine Epoche geht zu Ende", sagte der Ministerialbeauftragte Stephan Zahlhaas.

2006 händigte Kurt Stecher einem gewissen Florian Hartmann sein Abiturzeugnis aus: Jetzt sitzt Hartmann als Ehrengast in der ersten Reihe, Ex-Schüler, Dachauer Rathauschef und ganz nebenbei jüngster OB Bayerns. Unter den etwa zweieinhalbtausend Abiturientinnen und Abiturienten, die Stecher verabschiedet hat, gibt es viele, die eine erstaunliche Karriere hingelegt haben. Aber man darf sich das JEG nicht als Kaderschmiede vorstellen mit hartem Drill und scharfen Tönen. Im Gegenteil. Stecher schuf eine Atmosphäre, in der sich Schüler und Lehrer wohl fühlten. "Ein Klima von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Wohlwollen", sagt Studiendirektor Bernhard Kopplinger.

Unter Kurt Stecher erlebte das JEG einen Wachstums- und Modernisierungsschub. Von 2007 bis 2011 wurde das Gebäude generalsaniert, die Fachräume auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Was Stecher wurmt, ist lediglich, dass er nicht durchsetzen konnte, den hässlichen braunen Plastikboden endlich rausreißen zu lassen. "Braun passt nicht zum Josef Effner", sagt er unter dem Beifall der Gäste. 2011 übernahm das JEG das Gebäude an der Steinstraße und baute hier die ersten Klassen im gebundenen Ganztagszug auf. Damit wurde das JEG zu einem Pionier in der Schullandschaft des Landkreises.

Die Lobesreden auf den verdienstvollen Schulleiter kommen natürlich nicht ganz ohne Schnurren und kleine Sticheleien aus. So fordert eine Schülerin ultimativ die Tischtennisplatte ein, die Stecher schon vor Jahren genehmigt habe, die aber immer noch auf sich warten lasse. Ursula Eder erzählt von Stechers Angewohnheit, sich um 8.05 Uhr wie zufällig an den Eingang zu stellen und Spätankömmlinge zu fragen: "Ja, wo kommst du denn jetzt her?"

Die Vorsitzende des Elternbeirats beendet ihren Dienst nach 16 Jahren ebenso wie Kurt Stecher und fünf weitere Mitglieder des Lehrerkollegiums.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 21.07.2017