„Wachsam sein und wehrhaft“
Reuven Rivlin hat als erster Staatspräsident Israels die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht. Rivlin, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer legten am Mittwoch Kränze nieder und gedachten der Opfer des Nationalsozialismus.
Dachau – Wenige Stunden zuvor hatten die Politiker einen Erinnerungsort für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 in München eröffnet. Vor 45 Jahren hatte auch die israelische Olympiamannschaft einen Kranz in Dachau niedergelegt – wenige Tage vor dem Tod elf ihrer Sportler durch palästinensische Terroristen. Nun, 45 Jahre später, besuchte also das erste Mal in der Geschichte ein israelischer Ministerpräsident den Ort des Grauens in Dachau. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin gingen gemeinsam zur Tür auf der KZ-Gedenkstätte – der mittlerweile berühmten Tür mit dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“ – und schritten gleichzeitig hindurch. Zusammen mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und ihren Ehefrauen, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, dem Zeitzeugen Abba Naor und Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann schritten die hohen Gäste über das Gelände der Gedenkstätte. Ihnen voran sechs Schülerinnen des Josef-Effner-Gymnasiums Dachau, die drei Kränze trugen: Israel, Deutschland und Bayern.

Das JEG ist mit der Gedenkstätte eng verbunden: Das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst hat das JEG beauftragt, pädagogische Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau zu organisieren. Auch bei den Befreiungsfeiern sind die JEG-Schüler als Kranzträger mit dabei, und so wandte sich auch für diesen hohen Besuch das Kultusministerium an die Schule, kurz vor den Sommerferien: „Wir haben Schüler gesucht, die in den Ferien bereit waren, in die Gedenkstätte zu kommen“, erzählt Geschichtslehrer Christian Stähler. Die Reaktion: „Super, alle waren sehr motiviert.“ Schnell waren Freiwillige gefunden. Sechs junge Damen aus der Q 11 und Q 12 durften schließlich bei dem geschichtsträchtigen Augenblick dabei sein.

Die jungen Damen legten die Kränze nieder, die Staatsmänner richteten die Schleifen zurecht und gedachten der Opfer des Nationalsozialismus in einer Gedenkminute.

Anschließend bedankte sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, „von Herzen“ für die Geste des israelischen Staatspräsidenten. Es bedeute der jüdischen Gemeinschaft sehr viel, sagte er.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, hielt eine bewegende Rede. „Der Holocaust ist in weiten Teilen gut erforscht“, so Knobloch. „Doch halten sich nach wie vor Irrtümer. Einer davon: Der Holocaust ist vorbei. In Wahrheit ist die Shoa nicht vergangene Geschichte – sie ist noch nicht mal lange her. Ich kenne noch Opfer persönlich. Höre noch die verzweifelten Stimmen. Rieche noch den Qualm der Nacht des 9. Novembers 1938, der aus der Synagoge aufstieg. Spüre noch die Hand meiner ermordeten Großmutter, wie sie mir beim Abschied ein letztes Mal über die Wange streicht. Die Angst und der Schmerz jener Jahre sind unauslöschlich in meiner Seele.“ Sie wies darauf hin, wie wichtig es ist, aus der Vergangenheit zu lernen. „Verehrte Anwesende, das Wissen um das Unmenschliche in der Natur des Menschen, aber auch die Lehren aus verheerender Untätigkeit und fol- genschweren Entscheidungen verpflichten uns freiheitliche Demokraten, wachsam zu sein und wehrhaft. Alles, was wir in den letzten sieben Jahrzehnten erreicht und auf- gebaut haben, können wir verlieren.“ Sie schloss mit einem Aufruf: „Exzellenz, verehrter Präsident Rivlin, sehr verehrter Herr Präsident Dr. Steinmeier, sehr verehrter Herr Ministerpräsident Seehofer, Sie festigen in diesen Stunden das über Jahrzehnte gewachsene Band aus Versöhnung, Vertrauen und Freundschaft. Es ist alles andere als selbstverständlich. Angesichts der Trümmer der Zivilisation und der Asche der Menschlichkeit haben sich Deutschland und Israel ein gegenseitiges Versprechen gegeben. Ein Versprechen wi- der die Unmenschlichkeit. Wider die Einsamkeit. Lassen Sie uns alles daran setzen, dass dieses Versprechen, dass unser Band Bestand hat – für die bessere Welt, die wir den folgenden Generationen hinterlassen wollen.“

Rivlin sprach schließlich am Ende des Besuchs das jüdische Totengebet, das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum.

Quelle: Merkur 08.09.2017