Du sollst dir kein Bildnis machenEin Auschwitz-Überlebender und die toten Helden von Ergoldsbach |
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Nach seinem Vortrag sitzt John Weiner in der Caféteria des Dachauer
Effner-Gymnasiums, dreht an seinem Ehering und sagt, er könne es nicht
fassen. Da haben sie einen Helden in Ergoldsbach und schämen sich für ihn.
Schweigen ihn tot. "Es ist abstoßend", sagt er. Nun ist John Weiner ein ausnehmend distinguierter Herr. Er schreitet mehr, als dass er ginge, macht beim Reden feine Gesten, und über sein Gesicht spannt sich beim Lachen ein Netz filigraner Falten. Selbst die Wirkungsweise von Zyklon B erklärt der Auschwitz-Überlebende den Schülern ruhig wie ein Mediziner. Als er nun aber über Ergoldsbach redet, kann man dabei zusehen, wie er innerlich austrocknet. Der 78-Jährige ist von Sydney aus um die halbe Welt gereist, um sich noch einmal stark zu machen für Max Maurer, den Dorfpolizisten, der selbst nie davon erzählte, was er am 27. April 1945 getan hat. Natürlich, da war auch der Vortrag vor den Dachauer Gymnasiasten; und am Abend muss Weiner die kleine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte eröffnen, die er aus seiner Heimatstadt mitgebracht hat. Aber vor allem ist er gekommen, um die Ergoldsbacher vielleicht doch noch umzustimmen. Umsonst: Max Maurer und die Bäuerin Anna Gnadl, die für ihn und 12 andere Juden in den letzten Kriegstagen ihr Leben riskierten, sollen auch in Zukunft nicht geehrt werden in ihrem Heimatdorf. Wie Weiner so dasitzt und unentwegt an seinem Ehering dreht, kommt einem die Anekdote in den Sinn, die er vorhin den Gymnasiasten erzählt hat: Westungarn, im Mai 1944. Vor der Deportation ging das Gerücht um, dass alle Juden ihre Eheringe abgeben müssten; wer den Ring nicht mehr abziehen könne, dem würde der Finger abgeschnitten. "Da bin ich mit meinem Vater ins Bad und habe ihm den Ring mit der Nagelfeile abgeschnitten. Ich weiß, dass ich nicht schuld bin; aber ich war trotzdem derjenige, der in dem Moment eine schöne Ehe symbolisch durchgeschnitten hat." Acht Wochen später wurde Weiners Mutter in Auschwitz vergast. Er selbst und sein Vater kamen nach Buchenwald, der Vater kam später ebenfalls im Auschwitz um. Anfang April 1945 wurde Weiner auf den Todesmarsch von Buchenwald nach Dachau geschickt. Am 27. April versuchte er zusammen mit 12 anderen Häftlingen, sich in einer Ergoldsbacher Scheune zu verstecken. Die SS aber leistete auch in den letzten Tagen noch gründliche Arbeit: Alle 13 wurden gefunden und dem Polizisten Max Maurer übergeben, der sie erschießen sollte. Maurer brachte die "spazierenden Leichen" zu befreundeten Bauern, in deren Scheune sie sich verstecken durften. "Er sagte noch: "Morgen ist ein anderer Tag". Dann schliefen wir. Morgens hat einer gerufen: "Die Amerikaner sind da". Da kamen sie auf ihren Panzern und ich habe die zwei schönsten Neger meines Lebens gesehen." Man merkt Weiner im Effner-Gymnasium an, dass er seinen Leidensweg oft erzählt hat. Einmal aber versagt ihm doch die Stimme. Er dreht sich zur Tafel, auf der noch die Ergebnisse der Schülersprecherwahl stehen, und schweigt. Eine Minute lang steht er mit dem Rücken zu den Schülern, von draußen dringt Dachauer Schulalltagslärm in die Stille, bis sich er sich wieder umdreht und sagt: "Gestern war der 60. Jahrestag der Ermordung meines Vaters. Ich habe eine Ausstellung in der Gedenkstätte aufgebaut. In der Ausstellung hängt ein Foto von meinem Bruder. So feiert man als Überlebender Familientreffen. In Dachau. Allein." Die Ausstellung, die Weiner aus Sydney mitgebracht hat, skizziert das Schicksal der ungarischen Juden im Nationalsozialismus ("Less than Slaves - Jüdische Zwangsarbeiterbrigaden der ungarischen Armee 1939 bis 1945"; bis zum 20. Dezember): Die 50 000 Zwangsarbeiter, die an der sowjetischen Front eingesetzt wurden; die Häftlinge, die sich in den Kupferminen im jugoslawischen Bor totschuften mussten; das Ende der meisten ungarischen Juden in den Konzentrationslagern . . . Aber wie stellt man den Holocaust dar? Die Krux solcher Ausstellungen kommt in einem kurzen Brief zum Ausdruck, der hier hängt: "Lieber Herr Weiner, ich weiß, dass ich keine große Hilfe bin, da ich nichts habe, was ich Ihnen schicken kann. Ich habe nur die bitteren Erinnerungen, die mich heimsuchen, solange ich lebe. Ich bin selbst Holocaust-Überlebende, aber bevor wir nach Auschwitz deportiert wurden, heiratete ich 1942 Elfer Nándos, zehn Monate später wurde er nach Sibirien deportiert, wo er erfror. Mein wunderschöner Sohn wurde 1942 geboren. Als wir aus den Viehwaggons kletterten, brüllte Dr. Mengele mich an, mein Kind meiner Mutter zu geben. Sie mussten nach links gehen und ich nach rechts. Am selben Tag wurden sie verbrannt. Das ist meine Geschichte. Danke, dass Sie sie gelesen haben. Hochachtungsvoll Elizabath Schwarcz." Nur die bitteren Erinnerungen: Es ist auffällig, dass es auch von den Todesmärschen kaum Bilder gibt. Dabei war es ja nicht so, dass die Häftlinge bei Nacht und Nebel durch die Dörfer gezogen wären. "Wir waren sichtbar", sagt Weiner. "Diese Stolpergestalten, Zombies am hellichten Tag - sichtbarer geht es gar nicht." Mit den gespenstischen Kolonnen, die sich durchs Land schleppten, mit den Erschossenen, Verhungerten, Erschlagenen, wurde den Deutschen zum ersten Mal vor Augen geführt, was jahrelang sorgsam in den Lagern verborgen gehalten worden war.Vielleicht gibt es gerade deshalb keine Fotos von den Zügen: Schon im Moment des Sichtbarwerdens sollte der Holocaust verdrängt werden. Andreas Heldrich, der ehemalige Rektor der Münchner LMU, berichtete, als er für seine Verdienste um die Bewahrung der Erinnerung an die NS-Verbrechen geehrt wurde: "Anfang Mai "45 stand ich in einer Schlange vor einer Mittenwalder Bäckerei, in der es Brot geben sollte. Plötzlich erblickten wir einen Elendszug von ausgemergelten Gestalten in gestreiften Anzügen mit Holzpantinen. Sogar in meiner kindlichen Ahnungslosigkeit wurde mir bewusst, dass wir Zeugen eines grauenhaften Geschehens wurden." Heldrich betont ausdrücklich, dass dieser Anblick für ihn, obwohl er damals im Volksschulalter war, eine Art Initialzündung für sein späteres gesellschaftspolitisches Engagement werden sollte. In Ergoldsbach aber will man die Volksschüler nicht mit unfreundlichen Details der Geschichte belasten: Sowohl der Elternbeirat als auch der Gemeinderat lehnten den Antrag, die Grund- und Hauptschule nach Max Maurer und Anna Gnadl zu benennen, ab. Man müsse Rücksicht nehmen auf die Kinderseelen, hieß es. Weiner ist nach Deutschland gekommen, weil er hoffte, die Gemeinde umstimmen zu können. Das hätte er sich sparen können. Der Rektor der Schule, der selbst vehement für die Umbenennung der Schule gekämpft hat, sagt am Telefon resigniert: "Jetzt haben sie beschlossen, eine Erinnerungstafel im Rathaus anzubringen. Da ist der Max Maurer so schön versteckt, dass ich es fast schon zynisch finde." Heldenehrung im Halbdunkel eines Rathausflures - du sollst dir bloß kein Bildnis machen. Am gestrigen Freitag ist John Weiner wieder abgereist. Schon 1992 übrigens wurde Maurer auf Weiners Betreiben hin in Yad Vashem posthum als "Gerechter unter den Völkern" geehrt. ALEX RÜHLE |
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