Kunst statt Beton
Acht großformatige Werke von Oberstufenschülern schmücken nun das Effner-Gymnasium. Lehrerin Karin Kottmeir freut sich, damit endlich den Wunsch des Architekten erfüllt zu haben

VON THOMAS ALTVATER

Normalerweise tummeln sich hier jede Menge Schüler, diskutieren ihre Noten oder besprechen, was sie nach dem Unterricht denn noch so alles veranstalten könnten. Doch an zwei Wochenenden des neuen Schuljahres zogen junge Künstler in die Gänge des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau ein. Die Böden waren bedeckt mit Malerteppichen, Farbtuben standen herum und Pinsel lagen in den Ecken. "Das Schulhaus hat sich in ein großes Atelier verwandelt", erklärt Karin Kottmeir. Die Kunstpädagogin gestaltete innerhalb eines Jahres mit 24 Schülern der Oberstufe acht Werke, die nun an den Wänden des Gymnasiums ausgestellt sind. Nach vielen Jahren konnte sie so dem Wunsch eines weltweit bekannten Architekten nachkommen.

Als Günter Behnisch das Olympiagelände anlässlich der Olympischen Sommerspiele in München im Jahr 1972 entwarf, erlangte er Weltruhm. Seine Gebäude sind noch immer ein markantes Wahrzeichen der Stadt. Knapp zwei Jahre später plante er auch das Josef-Effner-Gymnasium. 1999 kehrte er noch einmal nach Dachau zurück und traf dort auf Kottmeir. "Meine neueste Schule ist leuchtend blau und sonnengelb, den Beton würde ich so nicht mehr verwenden", erzählte er damals der Lehrerin. Versehen mit der eindringlichen Bitte, die Säulen, Mauern und die vielen Betonwände der Schule doch bitte einzuwickeln, damit das Grau des Betons verschwindet. "Jetzt, fast 19 Jahre später, kann ich diesen Wunsch von Günther Behnisch endlich erfüllen", sagt Kottmeir.

2,50 auf 5 Meter misst das Kunstwerk im zweiten Obergeschoss des Gymnasiums. Dezentes blau und grün gehen in leuchtend helle Farben über. Von unten nach oben, über die gesamte Diagonale des Bilds, stecken Bücher in der Leinwand, fast so, als würde man das Bild auf einer Treppe emporsteigen können. "Lichtmetaphorik der Aufklärung" haben Vivien Pols, Lucia Ponjevic und Michelle Weiderer ihr großes Werk genannt. "Wir wollen damit den Lebensweg darstellen, man wird mit der Zeit immer aufgeklärter", sagen sie.

Passend dazu haben sie die Bücher ausgewählt. Greg's Tagebücher etwa in der unteren Hälfte. Oder Tschick von Wolfgang Herrndorf, eine Schullektüre. Zentral in der Mitte prangt ein Wörterbuch, Deutsch-Latein. Je höher man auf der Leiter steigt, desto wissenschaftlicher und lexikaler werden auch die Bücher. Auffallend ist: Alle sind in der Mitte durchgeschnitten, fast zersägt. "Die Bücher haben wir tatsächlich geopfert, besonders weh getan hat das bei unserem Latein-Wörterbuch", erzählen die Mädchen schmunzelnd.

Ein Stockwerk tiefer starren blutleere, fast geisterartige Fratzen auf das Treiben im Flur des Gymnasiums. Weiße, blau umrandete Gesichter auf schwarzem Hintergrund, dazwischen bunte Bücher, Finger und Stifte. Auf der Stirn eines Wesens prangt der Schriftzug "Ignore Alien Orders", ignoriere die Anweisungen von Außerirdischen. Der Spruch stand früher einmal auf der Gitarre des Punk-Musikers Joe Strummer, sagt Mohamed Merivani, der zusammen mit Nina Pfetzer, Antonia Schuster und Michelle Sonntag das Bild gemalt hat. Die Anordnung der Figuren und Gegenstände, die Auswahl der Farbe: Das Bild "Diagnose G8" ist Punk. "Wir wollten damit das Schulsystem kritisieren. Man existiert nur noch als Scheinfigur, nicht mehr als Mensch", erklären sie. Was der Spruch auf der Stirn in diesem Kontext bedeutet, dürfte damit wohl geklärt sein.

Das Erwachsenwerden, aber auch der kritische Umgang mit dem Schulsystem, dominieren die Arbeiten der Schüler. Ein übergeordnetes Thema hat Kottmeir jedoch nicht vorgegeben. "Die Freiheit, etwas Neues auf ungefähr 20 Quadratmeter Wand zu malen, das war für die Schüler nicht besonders einfach." Dass dieses große Projekt nun endlich möglich wurde, hat für die Lehrerin viele Gründe. Es hätten alle an einem Strang gezogen, vom Hausmeister, der die Bilder gehängt hat, über Schüler, den Rektor und bis hin zum gesamten Kollegium, so Kottmeir. "Ein besonderen Dank gebührt dem Rektor Peter Mareis, der sofort von der Idee begeistert war und sich mit vollstem Engagement dafür eingesetzt hat." Trotz des vollgepackten Stundenplans einen Freiraum zu finden, um solch ein Projekt verwirklichen zu können, war ein weiteres Hindernis für Kottmeir. Erst im Rahmen eines eigenen P-Seminars war das nun möglich. Auch dank des Kunstlehrers Oliver Winheim, der die Hälfte des Kurses übernahm und sich vor allem um die großen Werke der Schüler kümmerte. "Er hat den Schülern immer wieder Mut gemacht, er hatte den Glauben an das Projekt", lobt Kottmeir. Wenn man nun die acht Werke in den Gängen, der Aula oder Cafeteria betrachtet, dann hat sich dieser Glaube und Mut ausgezahlt.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 20.01.2018