Ozeane mit Wut im Bauch
Beim Lyrikwettbewerb des Josef-Effner-Gymnasiums kleiden 310 Schüler aktuelle Themen in ausdrucksstarke Worte
VON THOMAS ALTVATER
Dachau - Es sieht fast so aus, als würden sich die Schüler auf eine wichtige Prüfung vorbereiten. Mit kleinen Zetteln und Notizbüchern laufen sie durch die Gänge des Josef-Effner-Gymnasiums. In sich vertieft murmeln sie immer wieder die Zeilen, die auf ihren Blättern stehen. Tatsächlich haben die Schüler am vergangenen Mittwochabend Gedichte vorgetragen, die sie selbst geschrieben haben und die beim schulinternen Lyrikwettbewerb prämiert wurden. Dabei hat sich gezeigt sich, dass die bereits ein wenig in Vergessenheit geratene Textform noch immer angesagt ist.

Poetry Slams, Wettbewerbe moderner Dichter und Texter, oder auch das so wortgewaltige Genre der Rapmusik erleben zur Zeit einen Boom. Das verwundert auf den ersten Blick. Grelle Bilder und schrille Töne in Werbung und sozialen Medien: Die Reizüberflutung ist heutzutage allgegenwärtig. Die so schlichte Form des Gedichts wirkt da fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Dabei ermöglicht die Lyrik einen etwas anderen Blick auf viele Dinge des alltäglichen Lebens.

"Unsichtbare Wirklichkeiten werden mit der verdichteten Sprache besser sichtbar", sagt Schulleiter Peter Mareis in seiner Begrüßungsrede. Und auch der Inhalt der Lyrik, die die Schüler auf der großen Bühne im Parkettsaal des Gymnasiums präsentieren, ist keineswegs altmodisch. Mit einem reflektierten Blick und viel Metaphorik beobachten die Schüler gesellschaftliche Phänomene wie Digitalisierung, Umweltverschmutzung oder den Drang zur perfekten Schönheit. Aber auch eigene persönliche Erlebnisse und Krisen verarbeiteten die Schüler in ihren Werken.

In "Sie" beschreibt eine Schülerin die Metamorphose einer Raupe zu einem Schmetterling. Die Botschaft des Mädchens: Menschen sollen nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Eine Schülerin der 5. Klasse erzählt in wenigen Zeilen, wie sehr die verschmutzten Meere der Umwelt zusetzen. Für das Mädchen haben die Ozeane "Wut im Bauch". Dass ein Mensch sich allein mit Klängen und Gerüchen in der Welt zurecht finden kann, erklärt eine weitere Schülerin. Das Gedicht "Ihre Welt klingt" hat sie ihrer behinderten Schwester gewidmet. Es sind teils erstaunliche und aussagekräftige Verse, die die Schüler von der fünften Klasse bis zur Oberstufe aufgeschrieben haben und präsentieren.

Vier Fachschaften - neben Deutsch auch Kunst, Musik und Sport - begleiten den Wettbewerb. Werke aus dem Kunstunterricht umrahmen die Bühne, zwei Schüler musizieren zwischen der Präsentation der Gedichte. Und eine Sportklasse zeigt zu Beginn des Abends einen "Lyrical Dance". Die ungefähr 20 Schülerinnen setzen die Werke der Sieger mit ausdrucksstarken Bewegungen tänzerisch um.

"Wir wollen die Schüler damit von der Lyrik begeistern", erklärt Martina Notz, eine der Organisatoren. Den Kindern und Jugendlichen habe man keine Grenzen auferlegt. Einige Schüler experimentieren mit der Textform, andere orientierten sich an den großen Dichtern. Die Werke der Schüler müssen lediglich in einer der fünf Kategorien "Mensch-Medien-Maschine", "Stadt-Land", "Übersinnliches", "Grenzen" oder "Farben-Klänge" passen.

310 Schüler haben ihre Gedichte bei der dreiköpfigen Jury eingereicht. Thomas Spiegelhauer, Martina Notz und Rita Klumpp suchen die acht besten Werke sowie acht weitere herausragende Gedichte aus, die an dem Abend vorgetragen werden. "Die Auswahl ist uns tatsächlich alles andere als leicht gefallen", sagt Thomas Spiegelhauer. Mit 19 weiteren Werken bilden die besten Gedichte eine Anthologie, die auch auf Amazon erhältlich ist. Den Wettbewerb am Josef-Effner-Gymnasium gibt es bereits zum dritten Mal. Das Taschenbuch mit dem Titel "Lyrik am Effner 3" ist im Rediroma-Verlag erschienen und kostet 4,95 Euro.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Dachau, 19.05.2018